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Sonja Gornik ist mit der Partie der Leonore die überragende Sängerin in einem starken Team. Foto: theater/tamme
Sonja Gornik ist mit der Partie der Leonore die überragende Sängerin in einem starken Team. Foto: theater/tamme

Ohne Mut keine Freiheit

Lüneburg. Es ist kurz vor Start, man plaudert sich in den Saal, sucht die Reihe, findet seinen Platz. Vorn, wo die Bühne ist, kommen auch Leute, alte und junge, die einen im Unterhemd, andere im Freizeitlook, einige aufgehübscht. Bänke stehen für sie bereit, sie gruppieren sich um ein Podest, und nun, wenn sie bzw. wir alle da sind, kreidet einer „FIDELIO“ an die Wand. Die wird hochfahren, dahinter sitzt das Orchester. Das ist schon ein starker Einstieg, und gleich nach der Ouvertüre wird Franka Kraneis als Marzelline noch deutlicher machen, dass niemand hier nur Zuschauer ist, sondern dass alle etwas mit dem zu tun haben, was nun geschieht. Ob die Sache mit der Freiheit funktioniert, das liegt also an uns allen, vermittelt Regisseur Hajo Fouquet mit seiner spannenden Sicht auf Beethovens Oper, die eine triumphale Premiere am Theater Lüneburg feiert.

Franka Kraneis also, die eine hinreißende, stimmlich gewandte Marzelline, eine aus allem Schwärmen stürzende Frau zeigt, sie kommt erstmal mit einer Wanne Bügelwäsche aufs Podest. Auch im Haus des Kerkermeisters Rocco, also mitten im Umfeld eines Gefängnisses, spielt sich stinknormal soziales Kleinbürgerleben ab. Roccos Tochter Marzelline braucht allerdings zum Wäschelegen Hilfe, und die holt sie sich jetzt aus dem Saal, aus Reihe eins oder zwei. Es geht also ganz lustig los, sprudelig wie in einer Spieloper, aber das steigert nur die Fallhöhe. Denn Beethoven führt bald mit aller Dramatik, die er zu bieten hat, hinunter ins finsterste Verlies, wo Freiheitskämpfer Fernando dem Tod ins Auge blickt. Und die nette Marzelline wird nebenbei entdecken, dass Papa Roccos neuer Gehilfe Fidelio so gar nicht der Kerl ist, der sie in den siebten Himmel leiten wird.

Hajo Fouquet, Dirigent Thomas Dorsch und Ausstatter Stefan Rieckhoff haben ein überraschendes Konzept für die Oper gefunden. Die Spielfläche ist klein, sie rückt dafür nah ans Publikum, denn es braucht ja keinen Orchestergraben. Es gibt keine Kulissen, nur das Podest und gelegentlich ein, zwei Leitern. Licht (Walter Hampel) gliedert den Raum. Kon­zen­trier­ter ist das Stück nicht umsetzbar, die räumliche Dichte schafft zugleich eine inhaltliche. Chor und Statisten, die um das Podest sitzen, gehen mit dem Geschehen mit, sie beobachten, applaudieren und agieren. Fouquets Konzept macht den Kampf um die Rettung Florestans zu einer öffentlichen Angelegenheit, der Zugriff ist eher ein soziologischer als ein psychologischer. Trotzdem gewinnen die Figuren Tiefe, das schaffen die fokussierte Situation, noch mehr die Musik und allemal die Klasse der Akteure.

Überragend ist Sonja Gornik. Was für eine grandiose Sängerin! Sie findet für Fidelio den Ton einer Frau, die liebt, die sich Mut zusingt, Ängste überwindet und immer stärker zum Zentrum des Geschehens wird. Sonja Gorniks perfekt geführter Sopran besitzt Größe und Wärme, sie kann jeder Nuance Farbe geben und wird mit Recht am Ende lange gefeiert.

Dirigent Thomas Dorsch hat sich auf einen hammerharten Job eingelassen. Er dirigiert mit dem Rücken zur Szene, sieht die Sänger nicht, sie ihn über Monitore. Das fordert gelungene Balance-Akte. Dorsch und Orchester produzieren durchweg einen schlanken, sehr dynamischen, zugleich hochsensiblen und bei aller Dramatik und allem Freiheits-Pathos nie massiven Klang. Hervorzuheben sind die Blechbläser, die historisch authentische Instrumente (ohne Ventiltechnik) spielen, was absolute Präzision erfordert und auch das gelingt überzeugend.

Eine Woche vor der Premiere aber drohte die Produktion zu scheitern. Dariusz Niemirowicz, der den laufend geforderten, selten dabei glänzen dürfenden Rocco singt, stürzte, wurde noch in der Nacht operiert. Die Krücke, mit der sich Niemirowicz nun bewegt, könnte glatt eine Idee der Regie sein, macht sie doch deutlich, dass Rocco einen Mitarbeiter wie diesen flotten Fidelio gut brauchen kann. Niemirowicz macht einen starken Job, ist sehr präsent und ein ganz wichtiger Mitträger der Produktion.

Es gibt auch in der Premiere einen dramatischen Moment, den kaum einer in seiner ganzen Brisanz bemerkt. Aber der Chor schreit auf, als Karl Schneider stürzt. Das soll er in der Szene des in seinen Fesseln durch den Raum gezerrten Florestan durchaus, aber er stürzt eben über die Stufen des Podestes schmerzhaft! Aber da Schneider seine Partie ohnehin in höchst unbequemer Position zu singen hat, bremst den Tenor auch ein gestauchter Finger nicht. Schneider verkörpert sehr glaubhaft und überzeugend einen bei aller Folter ungebrochenen Florestan.

Timo Rößner singt leidenschaftlich und stürmisch den eifersüchtigen Marzelline-Liebhaber Jaquino, Volker Tancke beeindruckt im Finale nach den Fanfaren als Minister, Alexander Panitsch und Steffen Neutze treten aus dem starken, groß besetzten Chor solistisch hervor. Und dann ist da noch einer, der regelrecht aufgekratzt wirkt, was ein blödes Wortspiel ist, aber trotzdem passt auf Ulrich Kratz, der in jeder Hinsicht zu alter Form gefunden hat und dies als dämonisch fieser, getriebener Don Pizarro ausspielt. Auch er kassiert am Ende Bravos und Standing Ovations, die natürlich dem gesamten Team gelten. Hans-Martin Koch