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NDR-Literaturredakteur Joachim Dicks (li.) sucht mit Alex Capus (2.v.l.). Matthias Politycki und Terézia Mora Neuland für Abenteuer. Foto: t&w
NDR-Literaturredakteur Joachim Dicks (li.) sucht mit Alex Capus (2.v.l.). Matthias Politycki und Terézia Mora Neuland für Abenteuer. Foto: t&w

Worte sind Abenteuer genug

oc Lüneburg. Da sitzen nun drei völlig unterschiedliche Typen von Autoren in der KulturBäckerei und sollen klären, ob es noch Neuland für Abenteuer gibt. Wer wollte da „Nein“ sagen? Aber wo findet sich dieses Neuland, und handelt es sich dabei nicht um Altland, das immer neu erfunden und befunden sein will? Wie Drohnen umschweben Alex Capus, Terézia Mora und Matthias Politycki das Thema, das ihnen an diesem zuhörenswerten Abend des Literaturfestes Niedersachsen gestellt wird. Antworten gibt es so viele, wie der Begriff Abenteuer Deutungen zulässt.

Es sei schon Abenteuer genug, das Haus zu verlassen, sagt Terézia Mora. Den Gegenpol besetzt Matthias Politycki, der oft auf den gefährlichen Dächern der Welt balanciert: Das Abenteuer des Reisens helfe, mit anderen Augen aufs eigene Land zu schauen, findet er. Alex Capus, der Dritte im Bunde, grätscht dazwischen: Abenteuer, das sei doch, wie es heute verstanden wird, ein Wohlstandsphänomen: „Ein Mensch, der etwas Vernünftiges zu tun hat, läuft nicht durch die Antarktis.“

Damit war eigentlich alles gesagt, der Abend aber noch jung. Moderator Joachim Dicks (NDR Hannover) führte die Diskussion näher heran an das Schreiben. Terézia Mora, 1971 in Ungarn geboren, lebt in Berlin. Sie gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis 1999, den der LiteraTour Nord 2005 und 2013 den Deutschen Buchpreis für „Das Ungeheuer“. Mora sprach davon, wenn sie denn hinaus ins Leben gehe, dass sie den direkten Weg „dahin nimmt, wo die Angst ist, das Unbequeme“. Das Abenteuer aber suche sie nicht, das findet sie in jedem Satz, in jedem Wort. „Mein Zuhause ist die Literatur, ich finde in ihr zu allen Fragen Antworten. In der Literatur sind wir wundervoll aufgehoben.“ Das sollte der Schlusssatz des Abends werden.

Politycki, 1955 geboren, Doktor der Philosophie, lebt in Hamburg und München, ist mit Büchern wie „Weiberroman“ (1997), „Jenseitsnovelle“ (2009) und seinem Abenteuerroman „Samarkand, Samarkand“ sehr präsent auf dem Buchmarkt. Politycki treibt es hinaus, er müsse seinen Figuren hinterher, sagt er und sei es der Gefahr ins Auge sehend in tadschikische, usbekische, kirgisische oder sonstige Rebellenreiche. Politycki sucht die Grenzerfahrung, spricht von seiner Liebe zu Karten und hat auch die Lüneburgische studiert, für einen 15-Kilometer-Lauf am Morgen, Training für den Osaka-Marathon in einem Monat. „42,195 Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“ heißt sein aktuelles Buch.

Mit Politycki liefert sich Alex Capus, 1961 geboren, ein paar amüsante Scharmützel. Capus, mit „Léon und Louise“ 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert, unterscheidet scharf zwischen Reise- und Abenteuerliteratur. Er hat in Büchern reale Lebensabenteuer nachgezeichnet, er aber braucht Nähe und sagt: „Das Leben wird abenteuerlich, wenn man in Kontakt tritt.“ Sein jüngstes Buch „Mein Nachbar Urs“ führt mitten in die schweizerische Kleinstadt Olten, in der Capus lebt, in deren Leben er sich einmischt. Dass Politycki ihn mit auf eine seiner Reisen in die Ferne ziehen will, kontert Capus mit einer Einladung nach Olten, „der liebenswertesten Kleinstadt des Universums“, wie er auf seiner Homepage ulkt.

Am Ende bei der Frage, ob denn nicht schon alles erzählt sei, trafen sich die Drei in großer Gelassenheit. Literatur sei ein sehr gutes Mittel, sich in der Welt zu verorten, meint Capus. „Darum müssen wir neue Geschichten und auch die alten immer wieder neu erzählen.“

Das Literaturfest Niedersachsen wird von der VGH-Stiftung getragen, für die Regionaldirektor Martin Aude begrüßte. Der NDR schnitt das Gespräch mit, nachzuhören ist es am 25. Oktober, 20 Uhr, NDR Kultur.