Aktuell
Home | Kultur Lokal | Zum Teufel mit all den Hofschranzen
Alceste (Philip Richert) ist mal wieder schwer erzürnt, da kann ihm  Eliante (Ulrike Gronow) noch so viel Luft zur Abkühlung zufächeln. Foto: theater
Alceste (Philip Richert) ist mal wieder schwer erzürnt, da kann ihm Eliante (Ulrike Gronow) noch so viel Luft zur Abkühlung zufächeln. Foto: theater

Zum Teufel mit all den Hofschranzen

Lüneburg. Glückwunsch, er hat es wieder mal geschafft. Ein paar Sätze von Alceste, schon ist der halbe Hofstaat alarmiert, und die Richter stehen in den Startlöchern, wegen Beleidigung, Schmähung oder sonstwas. Diesmal erwischte es den eitlen Oronto. Ein grottenschlechtes Gedicht hat er geschrieben und dann den Fehler gemacht, Alceste um seine Meinung zu fragen. Statt der erwarteten Schmeicheleien bekam er zu hören, dass seine Verse schwülstiger Mist seien. Das ist zwar die Wahrheit, die aber will am Hofe des französischen Königs Ludwigs XIV. niemand hören. Aussprechen darf sie nur ein Protegé des Sonnenkönigs: Jean-Baptiste Poquelin alias Molière.

Ein echter Bühnenklassiker hat im Lüneburger Theater Premiere gefeiert: „Der Menschenfeind“ (eigentlich vollständig: „Der Menschenfeind oder der verliebte Melancholiker“), 1666 uraufgeführt. In dieser Komödie rechnet Molière — obwohl selbst ein Angehöriger des Hofstaates — ab mit all den adeligen Heuchlern und Arschkriechern, die sich im näheren oder weiteren Umfeld des Sonnenkönigs einer starren gesellschaftlichen Hackordnung unterwerfen. Sie schreibt genau vor, wer wem welche Komplimente zu machen hat, um dafür angemessen wahrgenommen zu werden — ohne auf der eigenen Schleimspur auszurutschen.

Regisseur Detlef Altenbeck hat den „Menschenfeind“ in seiner Zeit belassen, das ist auch anders kaum möglich. Hierarchien gibt es immer und überall, aber das Stück seziert ein Phänomen, das in dieser ausgeprägten Form wohl nur in Molières Umfeld zu erleben war (und zu der raffinierten Machtpolitik des Sonnenkönigs gehörte). Auf barocken Pomp wurde verzichtet, nur ein paar Papp-Kronleuchter oder -Bäume auf der Bühne deuten an, wo sich die Akteure gerade befinden. Vor der grauen Kulisse leuchten die bonbonfarbenen Kostüme um so schöner. All diese Schranzen mit ihrem keckernden Lachen wirken damit ein wenig wie die Teletubbies. Alceste, der Misanthrop, der sich all den falschen Tönen verweigern und eine konsequente Ehrlichkeit kultivieren will, sticht heraus. Schlampige Klamotten, fettige Haare statt Lockenputz.

Damit rücken die Schauspieler/innen in den Blickpunkt, sie müssen einen Spagat meistern: Sie sprechen — in der Übersetzung von Rainer Kohlmayer — in Versen, wirken aber dennoch lebendig und spontan, das ist schon mal eine Leistung. So wird transparent, dass Alceste (Philip Richert), der sich im ewigen Disput mit seinem wohlmeinenden und mahnenden Freund Philinte (Johannes Merz) befindet, mit seiner Liebe zu der koketten Célimène (Beate Weidenhammer) hadert. Die schöne Witwe flirtet einfach gern und macht das ganze Kicher-und-Küsschen-Spielchen mit. Doch es gibt Brüche: Ihr Reifrock, der eine Pracht sein sollte, ist nur noch ein Fragment, das nichts mehr verhüllt und — gewissermaßen wörtlich genommen — die Zerrissenheit Célimènes spiegelt. Matthias Herrmann (in drei Rollen, unter anderem Oronto, der wiederum wie Karl Lagerfeld aussieht), Ulrike Gronow, Britta Focht, Martin Andreas Greif, Martin Skoda und Tom Schmidt geben der Komödie — hier nun im wörtlichen wie im übertragenen Sinne — Farbe und eine subtile Nachdenklichkeit, ganz im Sinne Molières. Dem gesamten Ensemble galt der lange und herzliche Applaus in der nicht ganz ausverkauften Premiere im großen Haus. Frank Füllgrabe