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Kantor Henning Voss führte durch eine hoch konzentrierte Aufführung, die am Ende mit langem Applaus, sogar mit Bravos und Fußgetrappel quittiert wurde. Foto: t&w
Kantor Henning Voss führte durch eine hoch konzentrierte Aufführung, die am Ende mit langem Applaus, sogar mit Bravos und Fußgetrappel quittiert wurde. Foto: t&w

Das Drama mit dem Menetekel

aat Lüneburg. Dass Georg Friedrich Händels „Belsazar“ von 1745 dramaturgisch komplexen und explosiven Opernstoff birgt, der lebensnahe und seelenvolle Porträts seiner Gestalten zeichnet, daran ließ Henning Voss mit einer wunderbaren Aufführung in St. Michaelis keinen Zweifel. Bereits die Ouvertüre des dreiaktigen Oratoriums schuf leise fragend, mit schwelenden Kontrasten in äußerlichem Klangglanz musikalischen Tiefgang.

Mit abgespecktem Klangapparat, passend zur historischen Aufführungspraxis des vibratoarm und klanglich hochsensibel musizierenden Barockorchesters „LArco“ aus Hannover, widmete sich der Michaeliskantor solcher Auslotung. Die von Händel so fein erwogenen Details, die ausgeklügelte Formensprache und das seinerzeit bahnbrechende Zeitgefühl des Barockmeisters inspirierten Henning Voss zu einer facettenreichen, affektgeladenen Interpretation mit nachhaltiger Wirkung.

Vom Geschick Belsazars, des königlichen Tyrannen Babylons, berichtet das Alte Testament. Belsazar lästert während eines Gelages Gott. Während der Perserfürst Cyrus, dessen Sohn durch Belsazars Hand starb, mit Hilfe einer List Babylon erobert, feiert der trunkene Belsazar in seiner Burg und schändet die heiligen Gefäße der von ihm gefangen gehaltenen Juden. Eine Geisterhand schreibt auf dem Gipfel der Gotteslästerung „mene mene tekel upharsin“ an die Wand. Der Prophet Daniel liest daraus Belsazars Vernichtung durch Jehowa und die neue Herrschaft des Cyrus, der Jerusalem wieder aufbauen wird.

Händels Oratorium erzählt die konfliktreiche Geschichte in dichten Rezitativen, unterbrochen von ausdrucksvollen, lautmalenden instrumentalen Begleitungen und Sätzen sowie anspruchsvollen Chören, die Babylonier, Perser, Juden, Gelehrte bildreich zu Wort kommen lassen. Feinsinnige Portraits der Hauptfiguren werden von den Solisten gezeichnet.

Das Ensemble aus Chor, Orchester und fünf Solisten musizierte bis zum letzten Ton hochkonzentriert und voller Emphase. Eine Spitzenleistung bot der Chor, sang die teils virtuosen Partien, die Jubel und Freude, Kampflust, Entsetzen, Resignation oder Hoffnung ausdrücken, wendig und beredt.

Souverän spielte das Barockorchester „LArco“ Begleitung und eigene Sätze, dramatisch, glanzvoll mit Pauken und Trompeten, zart und sensibel in lyrischem Momenten wie etwa den gefühlsstarken Arien der Nicotris, die um ihren Sohn Belsazar bangt. Nicotris Worten gab Sabine Goetz mit ihrem mitfühlenden Sopran Seelenstärke.

Nicht minder einfühlsam klangen die Arien des Cyrus durch Franz Vitzthum, dessen heller Altus sich im delikat gesungenen Duett „Great victor“ / „Rise virtuous queen“ mit Sabine Goetz Sopran ideal verknüpfte. Der Tenor Jan Kobow verkörperte hautnah einen hochmütig-leichtsinnigen Belsazar, untermalte seine Partie auch gestisch. Nicht zuletzt Matthias Vieweg mit geschmeidigem Bass als streitbarer und trauernder Gobrias, sowie Alex Potter mit dunklem Altus gaben ihren Rollen Authentizität.

Am Ende des von der VB-Stiftung geförderten Konzerts feierte das Publikum in der fast voll besetzten Kirche alle Ausführenden mit Applaus, Fußgetrappel und Bravos.

One comment

  1. Katharina-Helene Jasser

    Belsazar – das war großartig!
    Als der letzte Ton eben verklungen war
    war es still und klar
    wow
    Mich hat das Oratorium zutiefst berührt,
    in seiner Aktualität zum Hier und Heute.
    Ganz besonders die Königsmutter Nitocris (Sopran),
    die bewegende starke Kraft einer Frau – Mutter – Königin;
    ihre Botschaft ist groß.
    Und das Ende des zweiten Teils:
    Chor der Perser;
    „…und Krieg und Sklaverei würden nicht mehr sein.“

    !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Sopran – Altus – Altus – Tenor – Bass – derKammerchor – das Barockorchester –

    DANKE
    Henning Voss – Leitung