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Gut vier Oktaven in wohltemperierter Stimmung: Daniel Stickan macht sich mit seinem Clavichord vertraut. Foto: ff
Gut vier Oktaven in wohltemperierter Stimmung: Daniel Stickan macht sich mit seinem Clavichord vertraut. Foto: ff

Der schnelle Weg zum Ton

ff Lüneburg. Als ausgebildeter Kirchenorganist und Jazzpianist hat Daniel Stickan schon viele Tasteninstrumente unter den Fingern gehabt. Aber jetzt steht er vor einer neuen Herausforderung, sie geht ausgerechnet von einem zunächst eher unscheinbar wirkenden Kasten aus, das nur leise zirpende Töne produzieren kann. Von einer „wahnsinnigen Sensibilitätsübung“ spricht der Lüneburger Musiker, „ich habe noch nie so eine differenzierte Rückmeldung bekommen“. Sein Staunen gilt dem Clavichord, dem ältesten Vorläufer des Klaviers. Daniel Stickan setzt es nun erstmals in einer Kantaten-Uraufführung ein.

„Wer nicht gerne poltert, rast und stürmt, wessen Herz sich oft und gern in süßen Empfindungen ergießt, der geht am Flügel und Fortepiano vorbei und wählt ein Clavicord von Fritz, Spatz oder Stein“, so schrieb es im Jahre 1806 der Musikhistoriker Daniel Schubart. Daniel Stickan wählte eines aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, das heute im Berliner Museum steht — natürlich einen Nachbau, angefertigt von dem Oldenburger Dietrich Hein. Mittlerweile steht das gute Stück bei Familie Stickan daheim. Der Besitzer spielt es vorzugsweise, wenn die Kinder im Bett sind und das Rauschen des Straßenverkehrs fast verstummt ist. Nebengeräusche verträgt Clavichord-Musik einfach nicht, der Ton ist erstens leise und zweitens empfindlich.

Das liegt an der Bauart: Beim Druck auf eine Taste wird jeweils ein Chor (also ein Saitenpaar) über die Tastenverlängerung, an der ein Metallstift sitzt, direkt angeschlagen — kein Hammer-Mechanismus, einfacher geht es nicht. Damit aber kann der Spieler auch, anders als Klavier oder Cembalo, unmittelbar auf die Saiten einwirken und ihren Klang beeinflussen, sogar ein Dehnen ist — wie bei einem Zupfinstrument — möglich.

Damit öffnet sich dem Spieler ein authentischer Klangkosmos, der in die Zeit der Alten Musik führt, zu John Dowland (1563-1626) beispielsweise oder Heinrich Scheidemann (1596-1663), dem sich Daniel Stickan verstärkt widmen will. Werke von Johann Sebastian Bach mit ihren komplexen harmonischen Entwicklungen lassen sich darauf nicht mehr darstellen — andererseits hatten fast alle berühmten Komponisten jener Zeit ein Clavichord zum Üben und Ausprobieren in ihrer Komponiertstube stehen. Und: Es lässt sich auf Reisen einfach transportieren.

Als Pianist daransetzen und loslegen — das geht nicht, jedenfalls nicht wirklich. Das Instrument mit seinem extrem kurzen Weg von der Fingerspitze zur Saite verlangt andere Fingersätze, andere Handstellungen, eine andere innere Haltung, generell also ein anderes Spiel-Verständnis. Das liegt auch daran, dass immer zwei nebeneinander liegende Tasten auf die gleichen Saiten einwirken — man kann sie also nicht gleichzeitig spielen, was in den Kompositionen jener Zeit auch nicht gefordert wurde. Das Clavichord ist, so lautet der Fachbegriff, „zweifach gebunden“.

Fans hat das flüsternde Instrument inzwischen wieder einige, 1993 gründete sich etwa die „Deutsche Clavichord Societät“, es gibt neue CD-Produktionen, und sogar einige Jazzer beziehen sich auf das Clavichord. Daniel Stickan hat einen Kompositions-Auftrag bekommen, für eine „Wassermusik“, eine Kantate, die am Sonnabend, 10. Oktober, in der Hamburger Petrikirche uraufgeführt wird: mit Kinderkantorei, Klavier, Orgel, mit Wasserklängen und Vogelstimmen — und mit Clavichord. Dafür allerdings wird das Instrument aus der alten Zeit nun über Mikro oder Tonabnehmer verstärkt.