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Emmi (Birgit Becker) schwärmt ein wenig ins Blaue hinein, ihr Mail-Partner Leo (Raimund Becker-Wurzwallner) ist eher nachdenklich. Foto: t&w
Emmi (Birgit Becker) schwärmt ein wenig ins Blaue hinein, ihr Mail-Partner Leo (Raimund Becker-Wurzwallner) ist eher nachdenklich. Foto: t&w

Wann mailt er endlich? — Premiere für „Gut gegen Nordwind“

Lüneburg. Die schöne und willige Olga sucht einen deutschen Ehemann, Viagra gibt`s als Riesenpackung im Sonderangebot und garantiert todsichere Geldanlagen auf einer Südseeinsel: Jeden Tag verstopfen uns Briefe das E-Mail-Postfach, die wir nicht wirklich brauchen. Gar nicht so einfach, aus all dem Spam die relevanten Nachrichten herauszufiltern. Und natürlich ist da die kleine Hoffnung, dass vielleicht doch einmal etwas dabei ist, was ein wenig Sonne in den Alltag bringt. Leo Leike hat sie gefunden. Zwei Mal löscht er eine offensichtlich fehlgeleitete Mail von einer Emmi Rothner, beim dritten Mal antwortet er ihr, und der Ton ist zunächst pampig – der Beginn einer wundervollen Online-Freundschaft.

Der Roman „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer wurde zum Bestseller, das gleichnamige Bühnenstück ebenfalls. Birgit Becker und Raimund Becker-Wurzwallner, im wirklichen Leben längst verheiratet, setzen nun in der Kulturbäckerei, in der Regie von Rüdiger Walter Kunze, diese Erfolgsserie fort: Die vollbesetzte Premiere erntete Gelächter an den richtigen Stellen, Nachdenklichkeit und betont langen, lauten Applaus.

Emmi Rothner also will eigentlich ein Zeitschriften-Abo kündigen, vertippt sich dauernd, und landet so bei Leo Leike, der sie auf ihren Irrtum hinweist. Nun könnte die Angelegenheit beendet sein, aber beide entwickeln Interesse am Tonfall des Gesprächspartners, durchaus auch beruflich bedingt: Emmi entwirft Homepages, Leo erforscht als Sprachwissenschaftler Mails auf ihren Gefühlsgehalt. Und der steigert sich langsam. Zunächst gibt es Ärger, etwa weil Leo zu Weihnachten eine seelenlose Rundum-Botschaft „mfG E.Rothner“ (das steht für „mit vielen Grüßen“) bekommt, aber die Neugier ist größer: Wer verbirgt sich hinter der Post? Lassen die Formulierungen Rückschlüsse auf das Alter zu? Immer größer wird auf beiden Seiten die Ungeduld, dauernd lungern sie um den aufgeklappten Desktop herum – wann kommt endlich die nächste Mail?

Sie nehmen es sportlich, Fotos schicken gilt nicht, und klar ist: „Wir werden uns vermutlich niemals sehen“, sagt Leo. „Ich hatte nie vor, Sie kennenzulernen“, sagt Emmi. Beide sind keine Singles. Andererseits: So eng sind ihre jeweiligen Beziehungen auch nicht, also beginnt ein Abtasten, Aushorchen, ein Ausloten der Möglichkeiten. Man könnte sich ja beispielsweise in einem belebten Café (das Stück spielt in Wien) verabreden, ohne sich zu erkennen zu geben. Reichen die gesammelten Indizien, den Anderen zu überführen?

„Gut gegen Nordwind“ (gemeint ist eine gefürchtete Wiener Wetterlage) ist zunächst ein klassischer Briefroman in der Tradition der Romantik, aber unter den Bedingungen des Social-Media-Zeitalters: Eine Mail verbindet die Möglichkeit, sorgsam zu formulieren und Fehler zu korrigieren, mit dem Tempo eines mündlichen Dialogs. Der Flirt zieht sich über Monate (beziehungsweise über gut zwei Stunden), und hat durchaus ein paar kleine Längen, das muss aber so sein, Emmi und Leo verstricken sich zuweilen in einer Hängepartie. Der Zuschauer weiß natürlich mehr, er sieht die Schauspieler, die sich nie in die Augen schauen, nebeneinander, sieht ihre Arbeitszimmer, ihre Reaktionen, hört ihr Seufzen, Lachen, sieht Frust und Freude. So entwickelt sich ein präzise gespieltes, pointiertes Kammerspiel. Und manch ein Zuschauer wird wohl künftig seine E-Mail-Post etwas genauer durchstöbern. Vielleicht ist ja eine Emmi oder ein Leo darunter.

Frank Füllgrabe