Aktuell
Home | Kultur Lokal | Magische Symmetrie der Sterne
Ein Kontrabass ist nicht nur ein Bass: Dario Calderone bei der experimentellen Klangerzeugung. Foto: phs
Ein Kontrabass ist nicht nur ein Bass: Dario Calderone bei der experimentellen Klangerzeugung. Foto: phs

Magische Symmetrie der Sterne

aat Lüneburg. „Musik kann alles sein, alles kann zu Musik werden“, sagte Dario Calderone nach seinem Solo-Recital im Glockenhaus, mit dem er das 41. Festival Neue Musik Lüneburg eröffnet hatte. Derart große Offenheit gegenüber allem akustischen Material und allen Möglichkeiten der Klangerweiterung als Voraussetzung für die intensive Begegnung und Beschäftigung mit Neuer Musik spiegelte sich in Calderones Konzertprogramm.

Sechs umfangreiche Werke forderten hohe Konzentration von Spieler und Zuhörer, Stücke mit und ohne LiveElektronik, die ohne ein Höchstmaß an Virtuosität nicht realisierbar sind. Die nötige Neugier der Interpreten, die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten und des Instrumentariums, so hatte einleitend der Gründer und Hauptorganisator des internationalen Festivals, Helmut Erdmann, betont, habe sich während der vergangenen 40 Festivalwochen in einem enormen Ausmaß gezeigt. Nicht zuletzt die Festivalkonzerte regten zu Ideen an, die im Lüneburger Soundlabor, im Fortbildungszentrums für Neue Musik und im EULEC (European Live Electronic Centre) verwirklicht werden, demnächst wieder unter Erdmann selbst und in Workshops mit Claus-Dieter Meier-Kybranz. Der Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt, Ernst Bögershausen, verwies auf die interkulturell einende Kraft der Musik, die in Zeiten verstärkter Migration Bedeutung gewinne.

Dass es auch für einen herkömmlichen Kontrabass, insbesondere mit Hilfe von Live-Elektronik, kaum akustische Grenzen gibt, bewies der von den italienischen Bassisten Massimo Giorgi, Franco Petracchi und Stefano Scodanibbio beeinflusste Dario Calderones an diesem Abend mit extremer Intensität und Spielfreude. Anhand zweier „älterer“ Stücke zeigte der Kontrabassist interessante Facetten mannigfaltiger Spielweisen und überraschender Klangerweiterungen. Mit „Beast“ (1971) des USamerikanischen Elektronik­Pioniers James Tenney fokussierte der Tonhöhen­ und Rhythmusschwankungen. In den „Loops from the forth district“ (2002) des Österreichers Bernhard Lang pulsierten phantasiereich rhythmisierte städtische Geräuschfaktoren.

Eigens für Calderone komponiert waren vier Stücke: Der in Holland lebende, gebürtige Belgrader Gagi Petrovic vereint in „Give more“ (2015) Basstechniken mit elektronischen Resonatoren, die Vokale, Sprachfetzen, Tierlaute, Kratzgeräusche und andere assoziationsreiche Laute an alternative RockRhythmen koppeln. Calderone kann das unangestrengt wiedergeben, die Schwerelosigkeit seines Spiels fasziniert und hilft Zuhörenden, das Klangchaos nicht nur rhythmisch zu ordnen. Das gilt auch für die Interpretation von „own page“ (2012) von Silvia Borzelli.

Der beabsichtigte Musikdialog, der „vergessenes Material“ zu rekodieren sucht, schickt den Hörer auf eine Spurensuche nach Klang und Form. Yannis Kyriakides „Testudo“ (2014) setzt auf direkte emotionale Klangerfahrung: Der Mythos um Hermes, der seine erste Lyra aus einem Schildkrötenpanzer baute, wird hörbar, eine UrMusikerfahrung, es pocht, rotiert, Reptilienlaute formen sich zu Tönen und Harmonien. „Solo VIIUrsea Minoris“ (2014) des Argentiniers Claudio F. Baroni basiert auf der „magischen Symmetrie der Sterne“. Am Ende gab es viel Beifall für den Solisten im gut besuchten Glockenhaus.