Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Helmut Bieler erläuterte im Glockenhaus seine Intentionen als Komponist. Foto: be
Helmut Bieler erläuterte im Glockenhaus seine Intentionen als Komponist. Foto: be

Festival Neue Musik: Den Klängen nachhören

aat Lüneburg. Das Komponistenportrait im Rahmen des Festivals Neue Musik Lüneburg war dem Pianisten und Komponisten Helmut Bieler gewidmet. Die Festivalgründung 1975, die Gründung des Kammermusik­Ensembles Musica Viva 1980 und 40 Jahre Zusammenarbeit mit immensem Engagement für experimentelle Musik und LiveElektronik verbinden den jahrzehntelang als Professor für Musikpädagogik in Bayreuth verpflichteten Pianisten und Komponisten mit Helmut Erdmann.

Anlässlich von Bielers 75. Geburtstag gab es im Glockenhaus ein Doppelkonzert. Der Komponist trat als Solist und Klavierbegleiter Helmut Erdmanns (Querflöten) und Amal Schneiders (Cello) auf und erläuterte seine Kompositionen. Bieler schuf eine Fülle von Solo­ und Kammermusik, Vokal­ und Instrumentalmusik sehr unterschiedlicher Genres. Herkömmliche und ungewöhnliche Spieltechniken und die Einbeziehung elektronischer Klangmodifizierung erlaubten immer neue Klangbewegungen. Die Romantiker Brahms und Reger haben ihn gefesselt, besonders aber Robert Schumann. Wie Schumann zollt Bieler der älteren Musik Respekt und nutzte schon früh auf deren Basis Möglichkeiten der Veränderung, Erweiterung oder Neubeleuchtung musikalischer Parameter. In seiner „Fantasia“ (1977) für instrumentale und elektronische Klänge, die im Nachtkonzert erklang, erinnert Bieler an seine Quellen und zitiert aus Brahms und Schumanns Werk.

Drei Klavierstücke, deren Titel nach Bieler die Absicht des Komponisten „bereits genügend“ skizzieren, eröffneten den Abend: „Wie rasche Bewegung langsamer wird und versiegt“ (1981), „Den Klängen nachhören“ (1981) und „Konturen“ (1984). Um intensives Nachhören, so Bieler, gehe es eigentlich in all seinen Stücken. Sie leben von Kontrasten, dramatischen, impulsiven und lyrischen Momenten, von Rasanz und Zeitlupentempi, die das Erleben von Klang stark ins Bewusstsein rücken. Klangwolken bilden und festigen sich, lösen sich changierend wieder auf. In den Nachhall einer Klangkaskade tropft ein neuer Ton, der zum Zentrum sich erneut ordnender Schwebungen wird.

Alle Kompositionen des Abendkonzerts sind exakt notiert, mit Ausnahme der „Pasacaglia“ (1977), die mit ihrer graphischen Notation auch Improvisation verlangt. Die uralte Form der Themenvariation greift Bieler hier auf innovative Weise durch Orts und Richtungsänderungen von Klängen in zweier nebeneinander laufenden Variationsweisen auf. Helmut Erdmann realisierte auf Piccolo­ und großer Querflöte im Duett mit zweikanaligem Tonband Bielers Ideen, interpretierte dann phantasievoll Bielers mit elektronischen Klängen einhergehende „Klangwandlungen“ (1985) auf der Grossbassflöte.

Gegensätze von Klangfolgen, die weder atonalen noch tonalen Prinzipien folgen, sondern auf Klangentstehung und entwicklung konzentriert sind, prägen auch das Klavierstück „Schemen und Gestalten“ (1977) und das Duo für Violoncello und Klavier mit dem Titel „Herbstmusik“ (2005). Cellistin Amal Schneider wusste auf Bieler Vorgaben am Flügel sensibel einzugehen. An Bielers Einstellung zu seiner Musik scheint im später entstandenen Werk kaum etwas verändert: Er habe kein eindeutiges Konzept, bevor er die Musik niederschreibe, er höre sie bereits lange vorher im inneren Ohr, sie solle dann für sich sprechen. Das konzentriert lauschende Publikum dankte mit herzlichem Applaus.