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Ralf Rothmann kommt am 12. November nach Lüneburg. Foto: steinweg
Ralf Rothmann kommt am 12. November nach Lüneburg. Foto: steinweg

„Im Frühling sterben“ — Ralf Rothmann liest in Lüneburg

ff Lüneburg. Die Russen sind schon in Berlin und die West-Mächte rücken von der anderen Seite vor. Wer jetzt noch alle Sinne beisammen hat, lässt sich nicht erwischen, wirft die Waffe weg, zieht die Uniform aus und hängt ein weißes Laken aus dem Fenster. Es ist Frühjahr 1945, der Krieg längst verloren. Doch die deutschen Soldaten, die zwischen den Fronten aufgerieben werden, haben den schlimmsten Feind in den eigenen Reihen: SS-Offiziere, die ihre restlichen Truppen nach vorn peitschen – wenn es sein muss, werfen sie den eigenen Leuten Handgranaten in die Hacken. Zu ihnen gehören Walter und Friedrich, die Freunde sind gerade 17 Jahre alt. Ihre Geschichte erzählt der Autor Ralf Rothmann in seinem Roman „Im Frühling sterben“.

Walter Urban und Friedrich „Fiete“ Caroli, beide gelernte Melker, werden im Februar 1945 zwangsrekrutiert. „Kein Krieg ohne Milch“, so hieß es noch vor kurzem, doch nun müssen sie den Stall mit der Kaserne vertauschen. Walter dient als Fahrer in einer Versorgungseinheit der Waffen-SS. Fiete aber muss an die Front. Er desertiert, wird gefasst, wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und an die Wand gestellt. Und Walter gehört zum Erschießungskommando.

Ralf Rothmann erzählt von einer Welt, in der verzweifelte wie skrupellose Menschen einen nassforschen Humor pflegen – in dem Bewusstsein, dass ein falsches Wort schon das Ende bedeuten kann. Ob sie denn „eigentlich noch eingesetzt werden“, fragt Fiete den Untersturmführer Dr. Rapp, der den Kinder-Rekruten ihre Blutgruppe auf den Arm tätowiert. Dieses „noch“ ist schon gefährlich, denn es bedeutet, am Endsieg zu zweifeln. „Natürlich werdet ihr nicht mehr eingesetzt“, antwortet Dr. Ripp in fast väterlichem Tonfall, und in das allgemeine Aufatmen hinein: „Kann man blöder fragen? Ihr seid doch bereits im Einsatz.“ Nach einer auf drei Wochen verkürzten Grundausbildung werden die Teenager in den Krieg geschickt, nach Osten, Richtung Budapest.

Und so entwickelt Rothmann auf der Spur der beiden Freunde ein Szenario, in dem alle Akteure von der Grausamkeit des „totalen Krieges“ geprägt werden, auch wenn sie denn körperlich unbeschadet überleben. Die letzten Kapitel führen in die ersten Wochen nach der Kapitulation. Doch für Walter, der immer – nach dem Scheuermittel – „Ata“ genannt wurde, weil bei ihm im Stall alles so vorbildlich sauber war, wird es keinen echten Frieden mehr geben.

  • Am Donnerstag, 12. November, 19.30 Uhr, ist Ralf Rothmann zu Gast im Heinrich-Heine-Haus. Der Autor, Jahrgang 1953, zählt zu den profiliertesten, eindringlichsten Erzählern des Landes, er wurde mit einer Reihe namhafter Preise ausgezeichnet. Veranstalter der Lüneburger Lesung ist das Literaturbüro.