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Die Skulptur „Im Punkt des Gleichgewichts“ besteht tatsächlich nur aus zwei nicht miteinander verbundenen Teilen. Foto: ff
Die Skulptur „Im Punkt des Gleichgewichts“ besteht tatsächlich nur aus zwei nicht miteinander verbundenen Teilen. Foto: ff

Schweißen wäre geschummelt

ff Tosterglope. Normalerweise ist es nicht besonders aufregend, wenn ein Künstler seine Arbeiten für eine Ausstellung aufbaut. Was gibt es da schon zu sehen? Bei den Skulpturen von Jan Meyer-Rogge aber ist das etwas anders, weshalb die Einrichtung seiner Präsentation „Momente des Gleichgewichts“ im Kunstraum Tosterglope mit einem Trialog, mit Gesang und Percussions begleitet wurde. Die Musik ist verklungen, die Skulpturen stehen noch bis 15. November.

Die Arbeiten, fast durchweg aus gebogenem Vierkant-Stahlrohren zusammengesetzt, befinden sich in einem höchst empfindlichen Gleichgewicht. Sie bestehen in der Regel aus zwei, drei oder vier Elementen, die sich gegenseitig stützen, einander bedingen – eine Veränderung ihrer Positionen würde unweigerlich dazu führen, dass sie zusammenfallen. Dabei geht der Künstler raffiniert vor, er präsentiert keine offensichtlichen Balance-Akte. Erst bei genauerem Hinschauen ist zu erkennen, wo die Schwerpunkte der Elemente liegen, wie sie miteinander zusammenhängen. Dabei konzentriert sich die potenzielle Energie, die den Windungen, Winkeln und Geraden innewohnt, manchmal nur auf kleine Auflage-Punkte. Zusammenschweißen gilt nicht, und die Versuchung ist groß, sie anzuticken, um ihre Stabilität auszuloten.

Natürlich sind diese Arbeiten, die etwa „Gezeiten“ oder „Gleichgewicht“ heißen, nicht als Anschauungsobjekte für den Physik-Unterricht gedacht, die Visualisierung der wirkenden Kräfte hat eine ästhetische Dimension. „Meyer-Rogge bringt seine Arbeiten auf den Punkt, an dem Fallen und Halten ins Gleichgewicht kommen(…) – Realisierung einer Harmonie von Freiheit und Bindung“, schreibt Hanna Hohl, und: „Denn wie jeder Teil seine Energie erst im Gefüge des Ganzen entfaltet, hat das Ganze nur Bestand als Gefüge, in dem jeder Teil notwendig und gleichberechtigt ist.“ Dabei ist die Erscheinungsform der Skulpturen in ihrer klaren, schlichten, ungegenständlichen Eleganz nicht das Ergebnis von Berechnungen, sondern schlicht vom Ausprobieren. Allerdings kann man Jan Meyer-Rogge einen großen Erfahrungsschatz unterstellen, den er über Jahrzehnte sammelte.

Meyer-Rogge, 1935 in Hamburg geboren, studierte von 1955 bis 1958 Malerei bei Karl Kluth an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Anschließend unternahm er Studienreisen unter anderen nach Amsterdam, Berlin, Florenz und Madrid. Meyer-Rogge arbeitete ab 1964 als Bildhauer, vor allem mit den Materialien Stahl und Holz. Seine Werke zählen zur minimalistischen Kunst und zur Land Art. „Es ist uns wichtig, ein Mal im Jahr eine gesetzte Position zu präsentieren, um auf diese Weise einen Bogen zu schlagen zu der aktuellen Kunst, und zu zeigen, worauf sie basiert“, so Johannes Kimstedt vom Kunstraum.

Im Jahre 1981 wurde Meyer-Rogge der Edwin-Scharff-Preis des Hamburger Senats verliehen, mit dem seit 1955 Künstler geehrt wurden, deren Werke das Kulturleben der Stadt Hamburg prägen. Er gab diesen allerdings 1982 aus kulturpolitischen Gründen zurück. Fünf Jahre später erhielt er den Edwin-Scharff-Preis erneut.