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Ursula Poznanski und Arno Strobel bei ihrer Buchvorstellung. Foto: t&w
Ursula Poznanski und Arno Strobel bei ihrer Buchvorstellung. Foto: t&w

6. Lüneburger Krimifestival: Die doppelte Perspektive

aat Lüneburg. Kurz bevor der Thriller „Fremd“ des Autoren-Duos Ursula Poznanski und Arno Strobel am 30. Oktober offiziell erscheint, konnten die Besucher des 6. Lüneburger Krimi-Festivals das Buch bereits signieren lassen. Im ausverkauften Event-Raum des Roy Robson-Hauses am Markt nutzten viele diese Gelegenheit. Die Buchvorstellung auf der Frankfurter Buchmesse ausgenommen, war dies eine Premiere, sogar eine Doppel-Premiere. Erstmals wurde nämlich das Publikum einbezogen und durfte mit den beiden bisher ausschließlich mit eigenen Büchern bekannt gewordenen Jugendbuch- und Krimischreibern über ihren ersten gemeinsamen Thriller diskutieren.

Welche Abschnitte eignen sich am besten, um dem Krimi-Fan die ganze Story schmackhaft zu machen? Egal, meinten die Autoren, alle seien gleichermaßen spannend, daher hätten sie sich für die ersten beiden Kapitel entschieden. Diese sagen bereits viel über Form und Schreibweise des Krimis aus. Sie schildern dieselbe absurde beängstigende Situation, von der der Leser sehr lange nicht weiß, ob sie überhaupt zusammengehört. Zunächst erfährt man die Perspektive der Frau, geschrieben und gelesen von Ursula Poznanski, dann diejenige des Mannes, geschrieben und gelesen von Arno Strobel.

Spannungsreich und sehr unterschiedlich im Ton lasen die Autoren ihre Texte, Poznanski langsam, leise, verängstigt und verstört wie ihre Romanfigur „Joanna, Strobel schneller, nach Auflösung des Problems drängend wie sein „Erik. Einem Hörspiel gleich übernahm jeder seine direkte Rede im Kapitel des anderen.

In den folgenden Kapiteln wird die Handlung nun jeweils aus abwechselnder Sichtweise der Protagonisten fortgeführt. Wie lässt sich der Albdruck der Frau nachvollziehen, die einem wildfremden Eindringling in ihr Haus glauben soll, er sei ihr Verlobter? Wie muss sich der angebliche Angreifer fühlen, der die Frau liebt, die er morgens noch fröhlich verließ, der von ihr aber abends nicht erkannt wird? Dessen sämtliche Sachen aus dem gemeinsam bewohnten Haus spurlos verschwunden sind?

Es sind die feinfühlig beschriebenen Details, die die oft mit einem Cliffhanger endenden Szenen sehr gut nachvollziehbar und unglaublich spannend machen. Es ist der flüssige, unverschnörkelte, eingängige Stil, der das Erleben, Denken, Fühlen und Tun beider Hauptfiguren hautnah an den Hörer und Leser heranträgt. Einerseits offenbart dieser Stil deutlich die Autorschaft der Wienerin Ursula Poznanski oder des Saarländers Arno Strobel. Andererseits musste im Zuge des Schreibens jeder lesen und redigieren, was der andere zuvor kreiert hatte. Und das führte dazu, so Strobel, dass sich beide Stile auch anglichen, und zwar gerade so weit, dass die Unterschiede den Lesefluss nicht stören. Dass zwei Personen verschieden denken und fühlen, soll der Leser spüren.

Als die Autoren sich vor zwei Jahren auf einer Verlagsfeier kennen lernten, waren sie sich in einer Sache einig: Keinesfalls wollten sie ein Buch mit einem anderen Autoren zusammen schreiben. Als sie die Idee gemeinsamen Schreibens, nach zwei und einem halben Glas Wein, wie sie versicherten, dann doch spielerisch durchgingen, endete das mit dem Versprechen des ersten Kapitels und führte nach einem Dreivierteljahr zum vorliegenden Krimi. Und das nächste gemeinsame Buch ist bereits im Werden. Daneben wollen beide natürlich ihre Solo-Projekte weiterführen, Jugendbücher und Bücher für Erwachsene.

Zur Gaudi des Publikums moderierten Poznanski und Strobel ihre Lesung sehr kurzweilig und berichteten Kurioses von ihrer Zusammenarbeit. Um nicht zuviel aus „Fremd“ zu verraten, lasen sie nach der Pause lediglich aus ihren Chats und Emails, die während der Schreibphase hinund her gingen. Poznanskis aberwitzige Sticheleien und Strobels bizarre Ausreden, die er sich etwa ausdachte, wenn ein Manuskript nicht pünktlich fertig war (und die auch im Internet-Blog des Duos teils nachzulesen sind), machten aus dieser Lesung gewiss eine der fröhlichsten und witzigsten des gesamten Krimifestivals.