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Anna Müllerleile spielt die Mutter, die immer wieder ihren toten Sohn (Calvin-Noël Auer) bei sich wähnt. Foto: theater/tamme

Das Musical „Fast normal“ im T.3 – Risiken und Nebenwirkungen

oc Lüneburg. Das kann ja heiter werden. Die folgende Geschichte handelt von einer massiven bipolaren Störung, von Suizidversuchen, Tod, Kiffen, bunten Pillen, von Experimental-Psychiatrie, von Liebe und Leid und zu allen Schrecken auch noch von familiärem Leben in der Vorstadt. Kann ein Musical all das und vermutlich ein paar übersehene Probleme mehr behandeln? Ja, es kann. Das Stück heißt „Fast normal“, es rockt, es ist komplex, sein Geflecht aber sinnvoll entkusselt worden, sodass es fesselt und oft berührt im T.3 des Theaters Lüneburg — mit Friedrich von Mansberg als Chef-Entkusseler und einem Team aus Profis und Laien von Theater und Musikschule.

Die Vorlage von Brian Yorkey (Libretto) und Tom Kitt (Musik) gewann 2009 mehrere Tony Awards, das sind die Oscars der Musicalbranche, und den Pulitzerpreis gab es obendrein. „Fast normal“ führt in eine beliebige Vorstadt. Mutter Diane macht Frühstück, Vater Dan sich arbeitsfein, Tochter Natalie büffelt. Aber Mutter deckt noch für eine vierte Person, für ihren Sohn. Doch der ist schon lange tot, worüber nicht gesprochen wird; nur in Diane — und auf der Bühne — geistert er herum. Dieses Familienleben ist eben nur fast normal. Diane verliert den Blick für Realität, durchleidet Therapien, ihr Mann probt Optimismus, die Tochter den inneren und äußeren Ausstieg.

Verpackt ist die Geschichte in griffige Rockmusik. Up-Tempo-Nummern stehen neben einfühlsamen Balladen, dazu kommen etliche, alles andere als leicht zu bedienende Ensembles. Die Band wird von Alexander Eissele geleitet, er teilt sich den Part mit Hye-Yeon Kim. Die Musik läuft organisch ins Geschehen, sie ist vom Sound (Ingo Levin, Wolfgang Ziemer) recht passend abgemischt; es geht so gut wie nichts vom Text verloren.

Das T.3 — breit geschnitten, aber ohne Tiefe — ist ein reizvoller Spielort, trotzdem nicht leicht. Friedrich von Mansberg nutzt die ganze Breite aus, sorgt mit Ausstatterin Christiane Becker für mehrere Schauplätze, die oft parallel bespielt werden. Das Licht (Technik: Richard Busse/Tobias Wortmann) hilft, die schnell voranschreitende Erzählung zu gliedern. Vor allem aber bekommt von Mansberg die Erzählstränge im Kleinen wie im Ganzen in Griff: Er macht den Stoff nicht schwerer, als er ist, und er beweist Gespür, Figuren und Geschehen Tiefe zu geben. Das ist doppelt schwer, denn von Mansberg muss Profis und Laien zu einer Einheit schweißen und Sänger zu Spielern machen. Es gelingt.

Anna Müllerleile singt und spielt die anspruchsvolle Rolle der Diane. Nie überzieht sie, immer kommt eine zunächst ganz normale Frau daher, aber in dieser Diane formen sich Wunsch, Wahn und Wirklichkeit zu einem Strudel. Müllerleile ist glaubhaft in dieser inneren Zerrissenheit, diesem Auf und Ab bis hin zu dem Punkt, der das Ende des Verschweigens bedeutet. Neben ihr kann sich Kristian Lucas als Dan auf seine Präzision verlassen, wenn er den hilflosen Mann spielt, der einfach weitermachen will und muss. Großartig verkörpert aus dem Nachwuchsteam Pia Jauernig (alternierend mit Anna von Mansberg) die Tochter, die ihre Familie liebt und doch aus ihr flüchten muss, um ihren Weg ins Leben zu finden. An ihre Seite kommt Timm-Marvin Schattling als cooler und zugleich geduldiger, besonnener Freund, und Calvin-Noël Auer kommt ebenfalls gut zurecht mit dem schattenhaften Part als immer irgendwie anwesender Sohn Gabe.

Die zweifelhafte Rolle der Psychiatrie und ihren ziemlich empathiefreien Therapien von Tabletten bis Elektroschock werden von Timo Rößner bedient. Zunächst als Arzt im Kittel, der Diane mit laufend neuen Pillen bedenkt und sie in dem Moment als „stabil“ bejubelt, als sie sagt, nichts mehr zu empfinden. Therapeut Nummer bleibt konturenarm, wird irgendwie cool und lässig angelegt — und jagt Diane Strom in den Körper. Zu Risiken und Nebenwirkungen sollte sie besser nicht ihren Arzt befragen, und es ist eher der Schrecken über diese Psychiatrie, der Diane dazu bringt, ihr Leben endlich neu zu sortieren. „Licht“ heißt das letzte Lied.

Dann wird gejubelt im T.3. Das wird nicht nur bei der stark mit Fans besetzten Premiere so sein. Dem Team gelingt ein Kraftakt, der nicht als solcher rüberkommt, sondern als intensives Theater.