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Axel Petermann hat einen Tatort nachgestellt, der ehemalige Mordermittler erklärt, wie er bei der Analyse vorgeht. Foto: be
Axel Petermann hat einen Tatort nachgestellt, der ehemalige Mordermittler erklärt, wie er bei der Analyse vorgeht. Foto: be

Ermittler Axel Petermann nimmt 400 Zuhörer mit auf eine Reise zu Tatorten

ca Lüneburg. Ein Gläschen Sekt oder Saft, und das Böse kann beginnen. Dieses Mal nicht im Tatort oder in einer der CSI-Serien im Fernsehen. Im Hörsaal der Uni steht ein Mann, der ein wenig wie ein Künstler wirkt mit seinen langen weißen Haaren und dem mächtigen Schnurrbart. 1000 Todesfälle hat Axel Petermann als Polizist bearbeitet. Wenn er erzählt, welche Blutspritzer ein Hammer an eine Decke schleudert, wenn er mehrmals mit Wucht auf einen Schädel getrümmert wird, dann hat das nichts mit Fantasie zu tun, sondern mit einem realen Schicksal. Trotzdem, es ist ein wohltemperiertes, weil gefiltertes Gruseln, auf das sich mehr als 400 Gäste einlassen. Lünebuch hat im Rahmen des Krimifestivals eingeladen, Chef Jan Orthey hatte mit 200 Zuschauern gerechnet. Und auch Petermann ist ein bisschen stolz: „So viele Zuhörer hatte ich noch nie.“ 300 seien die Obergrenze gewesen.

Eigentlich sei er zur Polizei gegangen, weil er der Wehrpflicht bei der Bundeswehr entgehen wollte, sagt der 65-Jährige. Bei der Bereitschaftspolizei habe er mit einem Mord zu tun gehabt. Im Mai 1971 wurde an einem Bahndamm bei Bremen eine 17-Jährige vergewaltigt und ermordet. Die Ermittler nahmen einen Arbeiter fest, doch später stellte sich heraus: „Der wars nicht.“ Der Fall sei prägend für ihn gewesen, sagt der pensionierte Ermittler, Jahrzehnte habe ihn das Schicksal der jungen Frau begleitet.

Petermann ist ein Mann, der um seine Stärken weiß. Er hat die Bremer Mordkommission geleitet. Er selber sagt von sich, dass seine Kollegen nicht immer einverstanden waren mit seinen Ermittlungsmethoden. Beim Vorgespräch erzählt er, dass er einen Privat-Fernsehsender berät. Aber auch für die Tatort-Reihe der ARD ist er Ansprechpartner, einige seiner Fälle standen Pate für Drehbücher. Und er hat sich in drei Büchern mit seinem Handwerk beschäftigt. Das neueste heißt „Der Profiler“.

Was Petermann erzählt, gehört zum ABC von Ermittlern. Ein Tatort erzählt immer eine Geschichte. Hat ein Täter Waffen mitgebracht oder genutzt, was er vorfand, wie eine Flasche, einen Hammer, eine Lampe? Welche Verletzungen hat er dem Opfer beigebracht? Wa­rum wurde das Opfer zum Opfer? Hat er vielleicht versucht, die Leiche abzudecken oder beispielsweise Blumen auf dem Toten abgelegt? Das könnte ein Indiz für eine enge Bindung sowie eine Art Wiedergutmachung sein.

Petermanns Buch ist auch eine Kritik an der Polizei. Er beschreibt Fälle, in denen Ermittler sich zu früh auf Verdächtige festlegen und andere Aspekte nicht ausreichend verfolgen. Ein Beispiel ist die Seniorin Wilhelmine Meyer, die einen kleinen Tante-Emma-Laden betrieb. Die alte Frau wurde vergewaltigt, erdrosselt und erschlagen. Die Kripo hatte sich auf einen arbeitslosen Trinker aus der Nachbarschaft kapriziert. Die Beweislage sprach gegen ihn, er wurde verurteilt. 20 Jahre später stellte sich heraus: Er war es nicht. Eine DNA-Spur führte zum Enkel der besten Freundin der Toten.

Kurzweilig war der Abend in der Uni allerdings nicht. Petermann neigt beim Erzählen zur Akribie, manchmal geht es zudem fast lyrisch zu, wenn er schildert, wie er mit der Mutter einer ermordeten Frau auf dem Friedhof steht. Er beschreibt ein Grabmal, da geht es um „abgeplatzte Emaille, pockengleich, (sie) verleiht der Figur aus Ton den morbiden Charme der Sterblichkeit“. So plätschert das noch etwas weiter. Ein wenig mehr Tempo täte der Geschichte gut.

Aber vielleicht muss ein Fallanalytiker, der nun Profiler heißt, so ticken, jedes Detail ist am Ende wichtig, um zu klären, warum jemand zum Mörder wird und wie er sein Oper auswählt. Diese Beharrlichkeit hat Petermann am Ende auch den Fall klären lassen, der ihn am Anfang seiner Laufbahn so gepackt hat. Vier Jahrzehnte nach dem Mord an der 17-Jährigen am Bahndamm konnte er ermitteln, wer der Täter war.