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Tilmann Lahme erzählte aus dem wechselhaften, mitunter bizarren Leben der Familie Mann, Martina Sulner moderierte den Abend. Foto: t&w
Tilmann Lahme erzählte aus dem wechselhaften, mitunter bizarren Leben der Familie Mann, Martina Sulner moderierte den Abend. Foto: t&w

Tilmann Lahme: Der Schatten des Patriarchen

ff Lüneburg. Julian Lennon, Kiefer Sutherland und Kay Degenhardt haben das gleiche Problem wie einst Johann Strauß junior: Sie wuchsen im Schatten einer übergroßen Vaterfigur auf und versuchten dennoch, sich im gleichen – oder in einem ähnlichen – Metier zu behaupten. Das gilt im Falle des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann für gleich sechs Kinder, für Klaus, Golo und Michael, für Erika, Elisabeth und Monika: Das Spannungspotenzial in der Familie Mann war groß, die Fallhöhe noch größer. Davon erzählt der Autor Tilmann Lahme in seiner Biographie „Die Manns – Geschichte einer Familie“; im vollbesetzten Heine-Haus stellte er sie vor.

Dr. Tilmann Lahme, Verwaltungsprofessor für Mediengeschichte und kritische Publizistik an der Leuphana und ein etablierter Golo-Mann-Kenner, platzierte sich mit seinem Familienporträt (S.Fischer Verlag, 480 Seiten, 24,99 Euro) in der Sachbuch-Bestseller-Liste des „Spiegel“. Statt sich an einzelnen Biographien und Werken abzuarbeiten, beleuchtet der Literaturwissenschaftler die Dynamik und die Machtstrukturen innerhalb eines Clans, in dem es von begabten wie egozentrischen (und in den meisten Fällen schwer drogenabhängigen) Menschen wimmelte. Thomas Mann erweist sich als kühler Patriarch, der für die Kinder kaum zu erreichen ist. Nur Geld stellt er bereitwillig zur Verfügung – Michael beispielsweise, der sich in Paris als Bratschist behaupten will, im Hotel wohnt, noch keinen Führerschein besitzt, aber schon mal einen Bugatti gekauft hat. Wenn es weiterreichende Probleme gibt, dann ist eben die Mutter zuständig, Thomas Manns Ehefrau Katia.

Der Schwerpunkt liegt auf der Exilzeit der Manns, Katia und Thomas residieren in den USA in einem Haus mit gut und gern 500 Qudratmetern Wohnfläche. Dass Sponsoren die Familie in ihrem aufwändigen Lebensstil immer wieder unterstützen, wird gleichgültig als Selbstverständlichkeit hingenommen. Als ein Journalist den Begriff „amazing familiy“ verwandte, übernahmen die Manns dieses Etikett mit Freuden, sie hielten sich durchaus für „erstaunlich“. Dazu gehört das berühmte Bonmot „Wo ich bin, ist Deutschland“, Thomas Mann inszenierte sich und seine Angehörigen, durchaus mit gewissem Recht, als Repräsentanten eines Gegenentwurfs zum dumpfen Nazi-Deutschland. Die sendungsbewusste Erika Mann war die PR-Chefin des Clans, agierte mit verblüffender Skrupellosigkeit: Für eine gute Geschichte, so Tilmann Lahme, habe sie die profane Realität einfach ausgeblendet. Neben einem gewissen Größenwahn pflegte der Patriarch aber auch seine berühmte Beobachtungsgabe, die er mit Ironie unterlegte: Sein Clan sei „eine wirklich erlauchte Versammlung – aber einen Knacks hat jeder“.

Tilmann Lahme konnte für seine Oktett-Biographie in Zürich einen Schatz heben: Kisten mit tausenden Briefen aus dem Nachlass von Katia Mann. Dass diese Kisten bis dahin unbeachtet – und unregistriert – im Thomas-Mann-Archiv herumgestanden hatten, passt in die bizarre Geschichte dieser ewig zerstrittenen Familie, die nur nach außen hin zusammenhielt.

Kiefer Sutherland, Julian Lennon und Kay Degenhardt haben ihren eigenen Weg gefunden. Johann Strauß (Sohn) wurde als „Walzerkönig“ noch erfolgreicher als sein Vater. Aus der Mann-Dynastie bleibt neben dem „Alten“ wohl vor allem der eher stille und scheue Golo Mann in Erinnerung, etwa als Autor des „Wallenstein“. Und Klaus Mann, so Tilmann Lahme, hätte noch viel öffentliche Anerkennung erleben dürfen – wenn er nicht einen frühen Drogentod gestorben wäre. Die „Buddenbrooks“ gehen natürlich in die Literaturgeschichte ein, sicher auch „Der Vulkan. Roman unter Emigranten“ von Klaus Mann. „Aber was in jedem Fall bleibt“, so Tilmann Lahme, „ist die Geschichte dieser Familie“.