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Tenor Georg Poplutz und Bassist Konstantin Heintel setzten Glanzlichter in der homogenen, fein differenzierenden Aufführung des Oratoriums. Foto: t&w
Tenor Georg Poplutz und Bassist Konstantin Heintel setzten Glanzlichter in der homogenen, fein differenzierenden Aufführung des Oratoriums. Foto: t&w

Offenbarungs-Oratorium in der St. Michaeliskirche

hjr Lüneburg. Schwere, Düsternis signalisiert die Ouvertüre zunächst. Es scheint ein Ringen mit der Wucht des Folgenden zu sein. Schließlich geht es um nichts weniger als das drohende Ende des Irdischen. Der Apostel Johannes hat es in der Offenbarung plakativ beschrieben. Apokalypse also, mehr Dramatik geht kaum. Das göttliche Gericht als finale Instanz, es beschaut kritisch jedes Individuum. Wohl dem, der durch gute Taten glänzte. Von diesem erschütternden Prozess erzählt das Oratorium „Die letzten Dinge“. Louis Spohr vertonte das auf biblischen Texten fu­ßende Libretto von Friedrich Rochlitz. Ein stark bewegendes Sakralwerk, von der Michaelis-Kantorei, der Hannoverschen Hofkapelle und vier Solisten unter der souveränen Leitung von Henning Voss ausdrucksintensiv in der gut besuchten Lüneburger St. Michaeliskirche gestaltet.

Anders als etwa Giuseppe Verdi in seinem monströsen Requiem „Dies Irae“ besänftigt Spohr die Gemüter. Sein Offenbarungs-Oratorium tost weit verhaltener, sendet schon im ersten Teil deutliche Zuversicht aus, baut auf die Energie der Gottesfurcht. Bass und Tenor vermitteln den Appel mit leiser, aber überzeugter Diktion, der Chor artikuliert als Antwort ein ergreifendes „Heilig ist der Herr“. Friedrich Rochlitz nutzte Bilder und Symbole wie das Lamm aus dem Neuen Testament geschickt, reduzierte die zahlreichen Verästelungen auf ihre Essenz. Das Destillat findet in Spohrs Musik seine kongeniale Umsetzung.

Der Romantik-Komponist besaß zu Lebzeiten (1784-1859) Starkult, galt neben Paganini als Ausnahmegeiger und erntete als Kasseler Hofkapellmeister euphorische Resonanz. Ein Künstler mit üppigem Salär, der sich einige Freiheiten herausnehmen konnte. Die Rezitative zum Beispiel enthalten oft ariose Phasen, sind breit und facettenreich angelegt, die Klangfarben schattierte er ebenfalls weit aus. Louis Spohr besaß ein untrügliches Gespür für manchmal opernhafte Wirkungen mit entsprechendem Pathos, malte flächig und spitzte zu, streute gelegentlich Süßstoff in die Solopassagen und ließ das Forte auch mal beben: Ein subtil austarierter Parcours, der Zuhörer in den Bann zieht, ohne nach billigen Effekten zu heischen.

Im zweiten Teil steigert sich die Spannung, knistert bisweilen, kontrastiert durch ein Duett in eher mildem Melos. Den Gipfel markieren dabei Ankündigung und Illustration des himmlischen Urteils sowie das fugierte Halleluja in den Schlusstakten. Den Apparat hielt Henning Voss mit klaren Zeichen und hoher Konzentration exzellent zusammen. Die Einsätze klappten tadellos, die Differenzierung bestach durchgehend und Transparenz war stets garantiert.

Die Kantorei hatte das Werk mit hörbarer Zuneigung einstudiert, die Hofkapelle musizierte auf stupendem Niveau und die Gesangsolisten gefielen mit warm timbrierten, expressiven, textverständlichen, den Kirchenraum gut füllenden Stimmen: Veronika Winter (Sopran), Susanne Langner (Alt), Georg Poplutz (Tenor) und Bassist Konstantin Heintel fügten sich bestens in das Zusammenspiel, platzierten mit dem Quartett „Selig sind die Toten“ einen Höhepunkt. Spohr ist eine Wiederentdeckung. Die Lüneburger Aufführung holte den Komponisten überzeugend ins Bewusstsein zurück. Eine homogene Interpretation, die aufhorchen ließ und durch ihre hervorragende Klangkultur enorm beeindruckte. Prasselnder Applaus quittierte das Konzert.