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Matthias Naw­rat gestaltete die erste Lesung in der Bardowicker Nikolaihof-Kapelle. Foto: t&w
Matthias Naw­rat gestaltete die erste Lesung in der Bardowicker Nikolaihof-Kapelle. Foto: t&w

Matthias Nawrat und „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“

ff//dth Bardowick. Man darf nicht alles wörtlich nehmen, was Opa Jurek so erzählt – er neigt da manchmal ein wenig zur, nun ja, zur Abrundung allzu komplizierter Situationen. Immerhin, er hat den Krieg erlebt und den Totalitarismus, er überlebte im besetzten Warschau und war als Zwangsarbeiter dem Tode näher als dem Leben. Bei seiner Beerdigung erinnern sich die Enkel an die Erzählungen ihres Opas Jurek, ein Rückblick auf ein dramatisches Jahrhundert und auf eine ebensolche Familiengeschichte. „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ heißt der neue Roman von Matthias Nawrat. Im Nikolaihof stellte der Autor, der Teile der Geschichte in seiner Zeit als Lüneburger Heine-Stipendiat schrieb, die Erzählung vor.

„Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ (Rowohlt, 2015, 408 Seiten, 22,95 Euro) lässt sich als Schelmenroman bezeichnen, als polnische Geschichtsschreibung mit literarischen Freiheiten. Matthias Nawrat, 1979 im polnischen Opole geboren, zählt zu den profiliertesten jungen Autoren seines Landes. Bereits seit Debüt „Wir zwei allein“ (2012), eine Erzählung über einen etwas verpeilten Philosophie-Studenten und Gemüse-Auslieferer, wurde mit dem Kelag- und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Der breiter angelegte Nachfolger „Unternehmer“ (2014) schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Nun also „Opa Jurek“, eine Reise durch Europa im Wandel der Regime, von der Vorkriegszeit bis zum Fall des Eisernen Vorhangs.

Geprägt wurde der Teenager Matthias vor allem von Klassikern, von Leo Tolstoj über Ernest Hemingway bis zu Max Frisch und Stanislaw Lem. Sein Biologiestudium schloss Matthias Nawrat eher aus Gründen der Vernunft ab, die Arbeit als Wissenschaftsjournalist brachte Geld ein und damit die nötige Freiheit für das Schreiben im Hauptberuf.

Matthias Nawrat, der schon früh die deutsche Sprache lernte, ist zuweilen eher Musiker als Schriftsteller, er gibt den Sätzen Harmonie und Rhythmus, sie grooven. Davon konnten sich auch die Besucher im Nikolaihof überzeugen, die nebenbei eine Premiere erlebten: Erstmals war die kleine Kirche des mittelalterlichen Bau-Ensembles Veranstaltungsort der Bardowicker „Herbst-Lesezeit“, ausgerichtet von „Die Bücherstuben vor Ort“ in Bardowick und Adendorf und der „Bücherei Bardowick im Nikolaihof“. In „Die vielen Tode“ verarbeitete Nawrat Erzählungen seiner Großeltern und Eltern. Vor rund 30 Zuhörern las Nawrat Passagen, die exemplarisch stehen für den Facettenreichtum der teils tragisch-komischen, anekdotenhaften Erzählweise: die Abfahrt der Kinder aus Polen, die Erlebnisse in Ausschwitz, bevor es Vernichtungslager wurde, und schließlich als Opa Jurek Direktor des „Paradieses“ war, ein Delikatessengeschäft ohne Ware. Bis eine planwirtschaftliche Fehllieferung von 600 Husarenrüstungen eintrifft – Opa Jurek macht sie zum Verkaufsschlager.

Mitorganisatorin Anja Junker zeigte sich von der Publikums-Resonanz bei der Lese-Premiere zufrieden. „Nur an der Akustik müssen wir noch arbeiten“, räumte sie ein. Denn es trifft bei Vorträgen in der kleinen Kirche Ähnliches zu, wie Nawrat über die akustische Brillianz des leeren Delikatessen-Supermarkts schreibt: „Als unser Opa Jurek in diesem Raum ein Wort sagte, dauerte es zehn Sekunden, bis es von der hinteren Wand als Echo zurückgeworfen wurde“.