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LiteraTour Nord: Ulrich Schacht (rechts) erörtert mit Moderator Renatus Deckert im Heine Haus die besonderen Eigenschaften der Novelle „Grimsey“. Foto: t&w
LiteraTour Nord: Ulrich Schacht (rechts) erörtert mit Moderator Renatus Deckert im Heine Haus die besonderen Eigenschaften der Novelle „Grimsey“. Foto: t&w

LiteraTour Nord: Lesung mit Ulrich Schacht

ff Lüneburg. Grimsey liegt 40 Kilometer nördlich von Island, direkt auf dem Polarkreis. Die Insel ist fünf Quadratkilometer groß und hat hundert Einwohner, die – natürlich – hauptsächlich von Fischerei leben, wovon auch sonst. Grimsey ist nicht unbedingt ein Sehnsuchtsland; auch der Fotograf, den Ulrich Schacht auf die Insel schickt, bleibt nur ein paar Stunden. Das aber reicht, um einen ganzen inneren Kosmos zu entfalten, eine Erinnerungsrevue. „Grimsey“ also heißt der Roman, den Ulrich Schacht im Rahmen der LiteraTour Nord im Heine-Haus vorstellt.

Ulrich Schacht wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, 1973 kehrte er in ein DDR-Gefängnis zurück – zu sieben Jahren wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt, schließlich von der Bundesrepublik freigekauft. Die erdrückende – räumliche wie gesellschaftspolitische – Enge muss den Journalisten und Autor, der bis heute begehrte Literatur-Preise eingesammelt hat, nachhaltig geprägt haben – er lebt schon eine ganze Weile in Schweden und unternimmt ausgedehnte Reisen in den hohen Breitengraden. Auch seine Texte drehen sich oft um Skandinavien, um das karge, kalte, klare Land; Moderator Renatus Deckert verglich ihn (in dieser Beziehung) mit Joseph von Eichendorff, als einen Schriftsteller, dessen Sehnsucht eher dem Aufbruch als der Ankunft gilt.

Über den namenlosen Fotografen, der Grimsey besucht, ist zunächst nicht viel zu erfahren – ein Inselsammler scheint er zu sein, ein Augenmensch, und er sorgt sich, zu wenig Filme eingepackt zu haben (der Text ist also schon etwas älter, genauer gesagt: 15 Jahre). Dieser Mann, er muss um die fünfzig sein, kreuzt über Stock und Stein, da passiert eigentlich nicht viel, der Autor schildert den Tagesausflug in langen, rhythmisch ausschwingenden Sätzen, „Bewegungsprosa“ sagt Schacht dazu. Die landschaftlich eher unspektakuläre Insel ist stellenweise übersät mit toten Möwen, die nun weiße Felder im Grünen bilden, diese blinden Flecken lassen sich natürlich deuten – Stationen eines Lebens, das nun in Szenen aus dem Nebel auftaucht. Da ist die Rückblende auf einen Philosophie-Lehrer, der von der Polizei verhört wird weil er seinen Schülern im Rahmen einer privaten Feier von der griechischen Herakles-Mythologie erzählt hat – eine getarnte Aufforderung, die Staatsordnung zu unterwandern? Eigentlich grotesk. Ein anderer Rückblick dreht sich um das Schlachten von Grindwalen an der Küste, ein regelrechtes Massaker.

„Grimsey“ (Aufbau Verlag, 2015) ist kein Roman, sondern eine Novelle, also eher kurz (189 Seiten) und einem zentralen Motiv, einer Begebenheit, einer besonderen Situation verpflichtet. Mehr verrät der Autor nicht, es ist jedenfalls keine verkappte Autobiographie, auch wenn es da allerhand Parallelen gibt. Fest steht: Ulrich Schacht, der schon als Junge Polar-Forscher wie Amundsen und Scott verehrte, kann auch wärmer: Sein nächster Roman führt in das Paris der Jahre 1989/90. Fest steht auch: Den nächsten Termin der LiteraTour Nord gestaltet Ulrich Peltzer am 2. Dezember, 19.30 Uhr, mit seinem Roman „Das bessere Leben“.