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Das Theater ist da, es kann losgehen mit einem wilden Spiel über Liebe, Hass und Eifersucht. Foto: theater/tamme
Das Theater ist da, es kann losgehen mit einem wilden Spiel über Liebe, Hass und Eifersucht. Foto: theater/tamme

„Kiss me, Kate“ erobert das Theater Lüneburg

Theater: Fred spielt Petruchio, Lilli spielt Katharina. Fred und Lilli waren mal verheiratet. Die Luft zwischen ihnen ist noch elek­­trisch, es britzelt in jedem Satz. Raus aus den Kulissen, rauf auf die Bühne: Freds Bühnen-Petruchio will Lillis Bühnen-Katharina heiraten, sie spielen ja Shakespeare „Der Widerspenstigen Zähmung“, ein heute ausweglos politisch unkorrektes Stück. Ein Sturm der Gefühle tobt zwischen den Bühnenfiguren, sie wissen nicht, ob es Hass oder Liebe ist. Wie auf der Bühne, so ists im Leben, und das eine grätscht nun immer fröhlich ins andere rein in diesem Klassiker der Klassiker der Musicalwelt: „Kiss me, Kate“. Im Theater Lüneburg ist das zu erleben, in knapp drei Stunden mit viel Trubel, Spaß, Musik und Bewegung. Das wurde zum Start gefeiert.

Es ist neben dem Dialogwitz die Musik von Cole Porter, die „Kiss me, Kate“ seit 1948 auf der Bühne hält. In ihr steckt viel Swing, und den kitzelt Robin Davis heraus — bis dahin, dass sich die Lüneburger Symphoniker zur Bigband zu wandeln scheinen: „Es ist viel zu heiß“. Dazu tanzt das — von Olaf Schmidt immer wunderbar ins laufende Geschehen integrierte — Ballett, und nie wird der Jubel im Saal größer als nach dieser Nummer. Leise ist er sonst auch nicht im Lauf der im besten Sinne soliden Inszenierung von Holger Hauer.

Auf die Bühne hat Barbara Bloch ein Konstrukt aus Treppen, Türen, Fenstern gesetzt, es wandelt sich mit wenigen Bauteilen, hineingeschobenen Räumen und Vorhängen in Vorder- und Hinterbühne, Kulisse, Garderobe, wo gerade die Action läuft. Die Bühne lädt zu schnellem Spiel ein, und manchmal könnte beim Szenenwechel noch Gas gegeben werden. Aber der Regisseur muss natürlich darauf achten, dass der Zuschauer den Überblick behält. Denn neben dem Liebe-Hiebe-Treiben von Fred und Lilli und dem auf der Bühne, wo der verohrfeigte Petruchio die Katharina schließlich übers Knie legt, auf dass sie Gehorsam lerne, daneben passiert ja einiges mehr.

Paar Nummer zwei zum Beispiel: Das sind das — von Theaterchef Fred und überhaupt allen Kerlen angebaggerte — Platinblondchen Louis Lane und der spielsüchtige Bill. Sarah Hanikel singt und spielt die Frau mit entsprechendem Körperbewusstsein und zielbewusst eingesetzter Naivität, Steffen Neutze schlaksig den labilen Fred.
Paar Nummer drei ist ein Gangsterpärchen, es sorgt beim Geldeintreiben fürs Skurrile. Schauspieler Leif Scheele, immer gut für deftige Typen, kann sowas perfekt, und Wlodzimierz Wrobel, der ja aus der Musiksparte kommt, der kann das auch — alle Achtung!

Die Stars des Abends aber sind Ulrich Kratz und Agnes Hilpert, Paar Nummer eins. Das Stück scheint wie geschrieben für Kratz, er mag extrovertierte Charaktere wie den nach außen selbstgefälligen, im Inneren um Liebe bettelnden Fred (und Petruchio). Kratz spielt das satt aus, und er kann mit seiner Stimme Schmalz und Schmelz mit Donner und Doria verbinden. Zum Glück hat er eine Partnerin, die dagegenhält. Lilli/Katharina ist die schwierigste Partie, muss doch ein Spagat geschafft werden: hier die Diva, die Eifersüchtige, die Selbstbewusste und Zornige, dort die Liebende, die sich am Ende dem Manne anpasst. Agnes Hilpert singt nicht nur großartig, sie bringt spielerisch die passende Balance hinein — und den Schuss Ironie, der den Fall erträglich macht. Daran hat Regisseur Holger Hauer mit­ent­scheidenden Anteil; Hilpert/Hauer sind da durch mehrere Produktionen eingespielt.

Zu nennen sind noch ein paar, die Gelingen garantieren: Marcus Billen als scharwenzelnder Inspizient, Frank Hangen als Bühnen-Baptista, der seine Töchter loswerden will. Volker Tancke als reicher Langeweiler, der sich gern mit der rassigen Lilli Vanessi schmücken möchte — aber die wird ihn in die Wüste schicken. Elke Tauber als Hattie, Oliver Hennes (Gremio) und Matthew Sly (Hortensio) komplettieren wie der Chor einen geradezu durchchoreographierten Abend, der riesigen Beifall erntet — und Jubel für den Dirigenten sowie das Kratz/Hilpert-Fred/Lilli-Petruchio/Katharina-Paar.

Bleibt eine Frage: Kann man einen Tag nach dem gottlosen Terror von Paris Komödie spielen? Die Antwort lautet „Ja! Man muss“. Dem Morden muss das Leben entgegengesetzt werden. Das Theater setzt im Foyer Zeichen des Gedenkens an die Opfer, eine angemessene, deutliche, aber nicht aufgesetzte Reaktion. Hans-Martin Koch