Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Als Titanic-Boygroup stehen (v.l.) Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn und Thomas Gsella weniger für Musik und kreischende Teenager als vielmehr für Satire und viele Lacher. Foto: t&w
Als Titanic-Boygroup stehen (v.l.) Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn und Thomas Gsella weniger für Musik und kreischende Teenager als vielmehr für Satire und viele Lacher. Foto: t&w

Titanic-Boygroup blicken auf ihre größten Satire-Erfolge zurück

ahe Lüneburg. Bestechung? Das Sommermärchen nur ein Resultat monetärer Zugaben? Über die jüngste Aufregung rund um die Vergabe der Fußball-WM 2006 kann Martin Sonneborn allenfalls müde lächeln. Schließlich war er es doch, der das Sommermärchen nach Deutschland holte. Als damaliger Chefredakteur der Satire-Zeitschrift Titanic hatte er in der Nacht vor der Abstimmung per Fax eindeutige Angebote an Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees geschickt, ihnen Wurst, Schinken und eine Kukucksuhr offeriert, wenn sie für Deutschland stimmen. Beim Neuseeländer Charles Dempsey zeigte das Angebot Wirkung: Statt für Südafrika zu stimmen, enthielt er sich und machte so den Weg frei für die WM in Deutschland. Die Fax-Aktion sorgte weltweit für Schlagzeilen. Genüsslich erzählte Sonneborn jetzt in der Lüneburger Universität von seinem größten Coup.

Der 50-Jährige war nicht allein gekommen, an seiner Seite saßen mit Oliver Maria Schmitt und Thomas Gsella zwei weitere ehemalige Chefredakteure des bekanntesten deutschen Satire-Magazins. Als Titanic-Boygroup präsentierten sie ein Best-of ihrer Späße, die nicht bei allen gut angekommen sind. Als die Fax-Aktion herauskam, rief die Bild-Zeitung ihre Leser auf, den Satirikern gehörig die Meinung zu sagen und veröffentlichte die Telefonnummer der Titanic-Redaktion. Ein gefundenes Fressen für Sonneborn und Co., die ein Tonband mitlaufen ließen — die CD „Bild-Leser beschimpfen Titanic-Redakteure“ wurde zum Renner.

Die Titanicer fahren ihre Humor-Angriffe mindestens zwei Gänge höher als alle anderen. Das halst ihnen immer wieder mächtig Ärger ein. Zum Beispiel eine Klage des damaligen Papstes Benedikt, den die Satiriker als undichte Stelle im Vatikan ausmachten und mit urinbefleckter Soutane abbildeten. Oder böse Anrufe von Muslimen, weil die Titanic Mohammed mit Fotos verulkte. „Wir hatten damals einen redaktionsinternen Wettbewerb: Wer es als Erster schafft, eine Fatwa auf sich zu ziehen, sollte eine Woche Sonderurlaub bekommen“, erinnerte Sonneborn. Ein Wettbewerb ohne Sieger: „Wir haben leider vergessen, unsere Veröffentlichungen auf Arabisch zu übersetzen.“

Anders als andere Boygroups wanzen sich die Satiriker nicht an ihr Publikum ran, im Gegenteil: Lüneburg, das sei doch die quirlige Bauernmetropole in der Nähe von Winsen an der Luhe, oder? Sie selbst seien „so beliebt wie Assad, Ebola und Ulrich Mädge, so kompetent wie Mehdorn, Platzeck und Wowereit und so hässlich wie Niedersachsen“.

Die Rollenverteilung des Trios ist klar: Sonneborn ist — wie der Sänger einer Boygroup — der Star, durch seine Beiträge für die „heute-show“ oder als EU-Abgeordneter bei Spiegel TV der bekannteste der Drei. Ihm hilft sein dröges Äußeres, das niemanden argwöhnen lässt, da komme jemand, der eifrig Fettnäpfchen aufstellt. Legendär sein Interview mit einem Vertreter der Deutschen Bank, der die erwünschten Fragen seinem Interviewer Sonneborn gleich mit auf den Weg gab. Den Film gab es beim zweieinhalbstündigen Auftritt in Lüneburg zu sehen.

Gsella ist der Intellektuelle, der mit Vorliebe wissenschaftliche Erkenntnisse ad absurdum führt, über strickende Gorillas schwadroniert und an der Leuphana einige seiner Gedichte vortrug. Schmitt gibt den extrovertierten Entertainer und setzt den eigentlichen Glanzpunkt mit seinem erfundenen Dialog zum realen Foto vom gemeinsamen Abendessen von Bild-Chef Kai Diekmann mit Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl — bis heute Lieblingsopfer der Titanic — und dessen Frau Maike. Dabei will der Zeitungsmann das Paar zur Homestory unter dem Titel „Heißes Liebesglück in Oggersheim“ überreden — und landet am Ende einen viel größeren Coup, als er live vom Ableben Kohls berichtet.