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Sigrid Damm (vorn) wird begrüßt von Literaturbüro- Geschäftsführerin Kerstin Fischer (l.) und Moderatorin Martina Sulner, die wie Dr. Tilman Lahme zum Literarischen Beirat gehört. Lahme hat jetzt die Aufgabe von Prof. Dr. Werner Schlotthaus übernommen. Foto: t&w
Sigrid Damm (vorn) wird begrüßt von Literaturbüro- Geschäftsführerin Kerstin Fischer (l.) und Moderatorin Martina Sulner, die wie Dr. Tilman Lahme zum Literarischen Beirat gehört. Lahme hat jetzt die Aufgabe von Prof. Dr. Werner Schlotthaus übernommen. Foto: t&w

Sigrid Damm liest aus Goethes Liebesleben

oc Lüneburg. Mal angenommen, es tauchten 1700 Briefe, Mails oder SMS vom gerade gestorbenen Günter Grass auf, die er an eine verheiratete Frau geschickt hat – lauter glühende Worte der Liebe. Ja, was würde damit passieren, wenn es sie gäbe? Ein Fall für die Bild-Zeitung? Was geht uns das eigentlich an? Es braucht den zeitlichen und den zeitgeistigen Abstand, der es erlaubt, das Private von Ikonen gewordenen Größen ans Licht zu holen. Und es braucht eine Haltung, mit der das geschieht, eine Haltung aus Distanz und Empathie. Grass ist – gegebenenfalls – ein Fall für die Zukunft, Goethe einer heute. 1700 Briefe, die oft nur kurze „Zettelgen“ sind, hat der Großgeist in seinem ersten Weimar-Jahrzehnt an Charlotte von Stein geschrieben. Sigrid Damm hat sie wieder und wieder gelesen und daraus ein Buch gemacht, das sie nun im Lüneburger Glockenhaus vorstellte.

Sigrid Damm ist Heine-Haus-Ehrengast

Sigrid Damm, 1940 in Gotha geboren, kam als Ehrengast des Heinrich-Heine-Hauses. Die Auszeichnung, gefördert von der Sparda-Bank, wurde zum 22. Mal vergeben. Damm, in Berlin und einer Schreibklause an der Ostseeküste Mecklenburgs lebend, mehrfach mit Preisen bedacht, möchte sich zwar nicht auf die Frau für die Frauen um Goethe reduzieren lassen. Aber niemand hat sich so wie sie in die Psyche des Dichters eingefühlt, in seine Korrespondenz versenkt und – soweit vorhanden – in die seines Umfelds. Die Dichterschwester „Cornelia Goethe“ verbuchte Damm bereits 1987, die Recherche „Christiane und Goethe“ (1998) bekam auch Ausgaben aus Französisch und Spanisch. Es gibt rund um Goethe einiges mehr von Sigrid Damm, ganz neu ist nun der „Sommerregen der Liebe“ (Insel Verlag), aus dem sie an diesem Abend zum ersten Mal las.

Goethe, der „Werther“-Star, kommt mit 26 Jahren ins 6000 Einwohner zählende Weimar, stellt sich als Geheimer Legationsrat in den Dienst des kleinen Hofes und verstummt weitgehend als Autor. Er steigt politisch auf, bekommt das Adelsprädikat – und stürzt sich in die Liebe zu der sieben Jahre älteren verheirateten Frau von Stein. Sie übt auf ihn zweifellos hohen sexuellen Reiz aus, der dadurch gesteigert sein mag, dass sie als unerreichbar gelten muss. Sie ist eine Hofdame, die auf Etikette und zu ihrem Mann hält – und doch mitgerissen wird vom Stürmen des jungen Mannes. Laufende Beteuerungen wie „Ich liege zu deinen Füssen und küsse deine Hände“ werden ihren Eindruck hinterlassen haben. Nachrichten wie diese fliegen mehrmals täglich zwischen beiden hin und her.

Erhalten ist nur Goethes Korrespondenz. Ihre Briefe sind nicht erhalten, viele verbrannte Goethe, andere gab er ihr zurück. Das Verhältnis, die Beziehung, die Affäre – wie auch immer – endet nach einer gewissen Erstarrung abrupt. 1786 bricht Goethe fluchtartig nach Italien auf. Als er knapp zwei Jahre später wieder in Weimar ist, tritt bald Christiane Vulpius in sein Leben. Den Tod der einst so Begehrten 1827 scheint er nicht zu registrieren.

Brief-Collage als Psychogramm

Sigrid Damm collagiert aus den Briefen, die aus dem Augenblick geboren und an ihn gebunden seien, eine Art Psychogramm des Dichters. Möglicherweise kompensiert Goethe, das wird deutlich, mit seinen Briefen in einer Art Selbstgespräch auch das literarische Vakuum dieser Jahre, projiziert er auf Charlotte von Stein weit mehr als ein Begehren. Von seiner „Überliebe“ schreibt Sigrid Damm. Und im März 1781 heißt es in einem Brief: „Ihre Liebe macht ein immer schönes Clima um mich, und ich bin auf dem Weege mich durch sie von manchem Überreste der Sünden und Mängel zu kuriren“, schreibt er ihr im März 1781.

Erst im kommenden Frühjahr wird Sigrid Damm, die Goethe einen begnadeten Egomanen nennt, mit dem noch frischen Buch auf große Lesereise gehen. Die Lüneburger Ehrung, bei der sie vor der Lesung von Bürgermeisterin Regine Baumgarten begrüßt wurde, sei eine Ausnahme. Martina Sulner vom Literarischen Beirat des Heine-Hauses führte durch den gut besuchten Abend im Glockenhaus, an dessen Ende Sigrid Damm schlechte Zeiten für Goethe kommen sah – mit Blick auf einen Wandel der Lehrpläne in Schulen hin zu zeitgenössischerer Literatur : „Ich denke, dass Goethe verschwindet. Ich finde ihn sehr heutig.“

Die Liste der Ehrengäste

Seit 1994 vergibt der Literarische Beirat des Heinrich-Heine-Hauses einen Preis für einen Ehrengast. Nach Lüneburg kamen – in rücklaufender Chronologie – Christoph Ransmayr, Hertha Müller, Hans Joachim Schädlich, Rüdiger Safranski, Daniel Kehlmann, Monika Maron, Christoph Hein, Uwe Timm, Reiner Kunze, Wilhelm Genazino, Siegfried Lenz, Dieter Wellershoff, Elfriede Jelinek, Volker Braun, Sten Nadolny, Gabriele Wohmann, Peter Härtling, Sarah Kirsch, Martin Walser, Christa Wolf und Peter Rühmkorf.