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Dieter Max Moor stellte in der Ritterakademie seine bevorzugte Jugendlektüre vor:  das Zivilverteidigungshandbuch der Schweiz. Foto: t&w
Dieter Max Moor stellte in der Ritterakademie seine bevorzugte Jugendlektüre vor: das Zivilverteidigungshandbuch der Schweiz. Foto: t&w

Max Moor über die Schweiz der Sechziger Jahre

ff Lüneburg. Der Kalte Krieg, der sich in der Kuba-Krise fast zum Dritten Weltkrieg erhitzt hätte, war eigentlich eine ganz nette, spannende Zeit. So jedenfalls empfand es Dieter, der Schweizer Bub, der sich in den Sechziger Jahren nach ein wenig Aufregung in seinem beschaulichen Alltag sehnte. Vor allem die Visionen von einem Atomkrieg hatten es Dieter angetan, dazu gab es in der Schweiz die passende Lektüre: das Zivilverteidigungshandbuch — spannender, weil realer, als jeder Karl May. Lichtblitz (nicht hineinschauen!), Druck- und Sogwelle (hinter einer niedrigen Mauer verstecken!), das alles fand der Junge „maximal“.

So schildert es Max Moor in seinem autobiographischen Buch „Als Max noch Dietr war“. Die „Geschichten aus der neutralen Zone“ (Untertitel) sind aus der Sicht eines Neun- bis Zwölfjährigen geschrieben, der als Sohn eines gutbürgerlichen Versicherungsagenten (in der Schweiz waren anscheinend alle Menschen gutbürgerlich) beginnt, sich für die Mitwelt zu interessieren und allerorts auf Berge beziehungsweise Mauern stößt. In der Ritterakademie stellte es der Autor vor. Dieter „Max“ Moor, 1958 in Zürich geboren, Schauspieler und Moderator, ist in Deutschland wohl vor allem durch das Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ bekannt.

Die „neutrale Zone“ der Sechziger Jahre erlebte Moor offensichtlich als behütete, spießige und insgesamt etwas skurrile Heimat, in der die Ängste vor einem Weltenbrand seltsam diffus wirkten. Die Moors — der Vatti, das Muätti, das Vreni, der Matti und der Dietr — fahren auf eine Baumesse, um sich also über den Bau und die Einrichtung von Atomschutzbunkern im eigenen Garten zu informieren. Aber statt sich für Isoliermaterial und Löschwasserbehälter zu interessieren, redet der Vatti mit den Messe-Mitarbeitern nur über Versicherungen, da kann er eben nicht aus seiner Haut. Der ausgestellte, von Schaufensterpuppen bewohnte Muster-Bunker erweist sich als Fake, er ist nicht aus Beton, sondern aus grau angestrichenem Styropor, man kann sogar Löcher mit dem Finger hineinporksen. Findet Dietr maximal, aber der Vatti hält alles, was sein Versprechen nicht erfüllt, für unseriös. Unseriös, das galt auch für Bier trinkende Frauen, also etwa das Muätti, das auf der Messe nach langem Herumlaufen Durst bekam. Zur Erinnerung: Das Wahlrecht für Frauen wurde in der Schweiz erst 1971 eingeführt.

Solche Episoden schildert Max Moor kurzweilig, natürlich im schönsten Dialekt, da kommt ihm auch die Sprecher-Ausbildung eines Schauspielers zugute. Die Schweizer und die Deutschen haben übrigens ein gemeinsames Problem: Sie verstehen sich untereinander nicht. So wie der schwäbelnde Süddeutsche bei einem Plattdüütschen auf Unverständnis trifft, so hat der Basler Schwierigkeiten, einen Innerschweizer Bergbauern zu verstehen. „Das für alle gültige Schweizerische“, so Max Moor, „gibt es nicht.“

Dafür gibt es massenhaft Eigentümlichkeiten: Im Deutschen wird in der Verniedlichungsform aus der Tasche das Täschchen — genauso verfährt der Schweizer mit den Frauen, sie werden zur Sache verkleinert, aus der Mutter wird eben „das Muätti“. Das muss man/frau nicht verstehen, es ist einfach so. Ähnliches gilt etwa für die strikte Ablehnung: „Auf gar keinen Fall!“ klingt in der Schweiz so: „Du, fänd ich dann aber, im Fall beim Eid, dann aber grad gar nicht gut, gäll, du und überhaupt sowieso, odr?!“ Also: Je mehr Worte, desto nein.

Heute lebt Max Moor als Demeter-Bauer in Brandenburg, und auch hier entdeckte er Eigentümlichkeiten. Mit „Klamotten“ beispielsweise bezeichnet der gemeine Brandenburger nicht Kleidung, sondern Steine. Maximal. Odr?