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Laura Uhlig, Maika Viehstädt und Soi Anifantis (v.r.) vom Jahrmarkttheater spielen drei Frauen, die sich alle Jahre wieder treffen. Im Hintergrund ist Thomas Matschoß zu sehen, er ist aber nur ein Kalenderblatt. Foto; Brüggemann
Laura Uhlig, Maika Viehstädt und Soi Anifantis (v.r.) vom Jahrmarkttheater spielen drei Frauen, die sich alle Jahre wieder treffen. Im Hintergrund ist Thomas Matschoß zu sehen, er ist aber nur ein Kalenderblatt. Foto; Brüggemann

„Aber dann im nächsten Jahr“ beim Jahrmarkttheater in Bostelwiebeck

oc Bostelwiebeck. Bad Burg, ein Stadttheater, zwei Kinos, eines mit gutem Programm. Der letzte Zug geht um 23.13 Uhr. Drei Frauen, jede für sich, hasten zum Gleis. Zu spät. Verpasst. Mist. Sie stranden in einem Hotel, lernen sich kennen und am Ende einer wort- und proseccoreichen Nacht steht fest: nächstes Jahr, gleicher Ort! So geht das immer wieder über 15 Jahre, beginnend 2000. „Aber dann im nächsten Jahr“ nennt Thomas Matschoß seine „existenzielle Komödie“, die beim Jahrmarkttheater in Bostelwiebeck eine gefeierte Uraufführung erlebte.

So ein Reigen durch die Jahre braucht eine Struktur. Sie liefert ein Kalenderblatt, das all die Jahre im Hotelzimmer hängen bleibt. Das menschgewordene Kalenderblatt, das ist im Stück der Autor selbst, sitzend zur Linken der Bühne ein Kalenderblattdarsteller mit verschlagenem Mephisto-Charme. „Aber dann“ sagt er, wenn es Zeit für einen Schnitt durch das Treffen des Trios ist, und lässt das Jahresblatt zur Erde flattern. Blitzlichter aus den Jahren 2000 bis 2015 werden von sprechendem Mobiliar eingeworfen, und Matschoß streut kalenderblättrige Hausphilosophie ein, räsoniert über Konzepte der Liebe, des Geldes, der Hoffnung Wege eben, mit denen sich ein Leben bewältigen lassen könnte.

Im Zentrum aber stehen dann die drei Frauen, deren Lebensweg über 15 Jahre deutlich wird, immer mit Dialogen aus dieser einen Nacht, in der sie sich treffen. 15 Jahre Leben, da wird viel abgeschliffen. Maika Viehstädt führt es am deutlichsten vor. Ihre sonnige Nicola studiert Philosophie, aber schafft den Abschluss nicht, denn: Heirat, Kinder, Doppelhaushälfte, Scheidung, Volkshochschule, Dauerlauf. Paula, das ist die quirlige Laura Uhlig, will als Schauspielerin die Welt erobern, unterschreibt aber in Bad Burg, und bald spielt sie in einer Soap: „Doktor Lambert“. Die dafür von Bert Brüggemann und Dima Ostroglad gedrehten TV-Szenen sind von grauenhafter Wunderbarkeit. Soi Anifantis schließlich spielt die immer etwas in sich gekehrte Abi-1,0-Frau Femke, die als Ärztin große Karriere macht, aber kein Mittel gegen Einsamkeit weiß.

Thomas Matschoß lässt zu 98 Prozent Vorhersehbares geschehen, aber die anderen zwei Prozent haben es dann in sich. Die drei Bühnenfrauen erschaffen dafür nachvollziehbare, sympathische Charaktere, zelebrieren heulende Tiefen, jauchzende Höhen und gepflegtes Alltagsgrau. Durch den Abend und die Jahre halten Matschoß und Co-Regisseurin Andrea Hingst das von Anja Imig ausgestattete Stück in der Balance zwischen scharfer Beobachtung, Lebensklugheit und einem Sprachwitz, der den absurden wie den derben Gag gleichermaßen einsetzt. Dramaturgische und methodische Wechsel behüten das Konzept davor, statisch zu werden.

Unterm Strich entsteht Volkstheater für Gegenwärtige mit einer erklärtermaßen simplen Botschaft: Lebe! Es macht dem über 15 Jahre in zwei Stunden mitgehenden Publikum deutlich Spaß, sich in vielem selbst gespiegelt zu sehen. „Aber dann im nächsten Jahr“ steht bis zum 20. Dezember auf dem Spielplan, hinter vielen Terminen leuchtet es schon „ausverkauft“, und das wird schnell so weitergehen.