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140 Stimmen, großes Orchester: die Städtische Cantorei im Bardowicker Dom. Foto: phs
140 Stimmen, großes Orchester: die Städtische Cantorei im Bardowicker Dom. Foto: phs

Die Städtische Cantorei führt Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ auf

oc Bardowick. Seitdem Birgit Agge die Städtische Cantorei leitet, seit 1993, hat sie aus diesem freien, nicht an eine Kirchengemeinde gebundenen Chor die dritte große Kraft der Kirchenmusik in Lüneburg geformt. Das wurde gelegentlich kritisch beäugt, lief nicht immer rund, aber die Cantorei hat sich behauptet. Als Hauskirche dient der Bardowicker Dom, und der war gut besucht, als Birgit Agge nun sicher und umsichtig einen großen Brocken der Oratorienliteratur leitete: „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, ein Klassiker der Romantik.

Rund 140 Frauen und Männer füllten das Podest. Die etwas unterrepräsentierten, bei Mendelssohn-Chören aber enorm wichtigen Männerstimmen wurden nach vorn gezogen, was half, die Klangbalance zu sichern. Die Cantorei schloss sich für diesen „Paulus“ mit der SingAkademie Niedersachsen zusammen, einem Projektchor, den Claus Ulrich Heinke leitet. Erstaunlich, wie gut die ja nun nicht wöchentlich gemeinsam probenden Chöre harmonierten, sie bildeten eine schlüssige Einheit. Schön auch, dass die Mühen des Probens zu mehr als einem Konzert führen, Auftritte in den Klöstern Mariensee und Loccum folgen im Dezember.

„Paulus“, 1836 uraufgeführt, ist in der Tat ein Brocken, fordert von Chor, Orchester und Solisten ein ganz hohes Maß an Konzentration und Kondition. Mendelssohn knüpft im Aufbau bewusst an die großen Bach-Passionen an, bis hin zu geifernden Volks-Chören und zu Chorälen der Besinnung. Zugleich steigert er den Klang im Stil seiner Zeit, alles ist opulenter, melodiengesättigt, und nur gelegentlich vertraut er einem Instrument allein die emotionale Grundierung an, etwa dem Violoncello bei „Sei getreu bis in den Tod“. Die Musiker der Sinfonietta Lübeck zeigten sich im Solo wie beim Klangmalerischen zwischen Pastorale und blechbeschwertem Drama hellwach.

Was bei Bach der Evangelist, das ist hier der Erzähler bzw. die Erzählerin. Die Aufgaben sind weniger statisch verteilt als beim Barockmeister. Den Großteil der Erzählung aber trägt der Sopran, und es kam der fabelhaften Isabelle Bringmann zugute, dass sie stattliches Opernpotenzial besitzt. Sie dosierte die Gratwanderung aus Bericht und Betroffenheit präzise, das war bis in die Aussprache ein reifer Auftritt der Sängerin, die ein Repertoire von Bach bis Bruckner beherrscht.

In der Tiefe wurden wie in der Höhe die nachhaltigen Effekte gesetzt: Bass Jan Träbing sprang kurzfristig ein und lotete die Möglichkeiten seiner Partie mit enormer Kraft und Farbenreichtum aus. Schön, dass er sich auch zurückzunehmen wusste. Tenor Jörg Erler bewies ebenfalls die Klasse, seine Partien werkgetreu aufblühen zu lassen. Das galt auch für Marian Dijkhuizen, wenngleich Mendelssohn dem Alt vergleichsweise wenig zu singen gibt.

„Paulus“ birgt in sich eine Fülle an Details, denen die Dirigentin sorgsam und motivierend nachging, sie führte ihr Ensemble über alle Klippen, etwa beim breit angelegten „Mache dich auf, werde licht“. Das war neben dem leitmotivischen „Wachet auf! ruft uns die Stimme“ das Kernstück der eindringlichen, mit Standing Ovations bedachten Aufführung.