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Dr. Ralf Waldschmidt sieht kein Sparpotenzial mehr bei den kommunalen Theatern Niedersachsens. Foto: Kruszewski
Dr. Ralf Waldschmidt sieht kein Sparpotenzial mehr bei den kommunalen Theatern Niedersachsens. Foto: Kruszewski

Osnabrücks Intendant über die Situation der niedersächsischen Bühnen

es Lüneburg. Dr. Ralf Waldschmidt, Intendant an den Städtischen Bühnen Osnabrück, ist ein versierter Theatermacher. An zehn Bühnen hat er im Laufe der Jahre in leitenden Positionen gearbeitet, darunter in Berlin und Frankfurt am Main. Nach Lüneburg kam er, um auf Einladung der Service-Clubs Lions und Rotary über die deutsche Theaterszene zu sprechen: Zahlt es sich aus, Kultur in Zeiten knapper Kassen zu subventionieren?

Sollte man Bühnen, Museen und Bibliotheken nicht marktwirtschaftlicher orientieren und mehr dem „freien Spiel der Kräfte“ überlassen? „Ganz bestimmt nicht“, sagt Waldschmidt. „Das Theater denkt bereits wirtschaftlich, aber nicht marktwirtschaftlich. Ein Theater, das Gewinne machen muss, kann keine Risiken mehr eingehen. Die künstlerische Vielfalt leidet, wenn man nur noch auf die Einnahmeseite schaut“, meint der Intendant. Nahezu alle subventionierten Bühnen hätten ihre Einnahmen schon so weit wie möglich gesteigert. „Wesentlich mehr ist nicht zu erreichen. Wenn wir die Eintrittspreise weiter erhöhen, können sich tatsächlich nur noch einige wenige Kultur leisten. Damit schließen wir Menschen aus, anstatt sie einzubeziehen.“

Theater findet für Waldschmidt längst nicht mehr in einem heiligen Kulturtempel statt, sondern als breites Angebot für die Bevölkerung. „Theater nehmen Bildungsaufgaben wahr und leisten einen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen und Migranten. Es gibt eine Vielzahl von Jugendprojekten und sehr aktives Jugendtheater. Es finden enge Kooperationen mit Schulen und Musikschulen statt. Die Bandbreite ist groß, all das würde fehlen, wenn es keine Theater mehr gäbe.“ Gerade in mittelgroßen Städten wie Osnabrück oder Lüneburg biete Theater nicht nur kulturelle Vielfalt, sondern auch die Möglichkeit zur Identifikation.
Der Zuspruch ist durchaus zufriedenstellend, findet Waldschmidt. „In Osnabrück haben wir 190000 Zuschauer pro Jahr, das sind im Verhältnis ähnliche Besucherzahlen wie in Lüneburg“, sagt Waldschmidt. In Osnabrück schreibt man allerdings bisher noch eine schwarze Null in den Bilanzen, während man in Lüneburg mit einem Defizit zu kämpfen hat.

„Die Finanzierung der städtischen Bühnen, die von den Kommunen getragen werden, ist in Niedersachsen kompliziert. Aus historischen Gründen besteht ein krasses Missverhältnis zu ungunsten derjenigen, die sich nicht in der Trägerschaft des Landes befinden“, erklärt Waldschmidt mit Blick auf die vom Land getragenen Staatstheater in Hannover, Braunschweig und Oldenburg.

Eine unausgewogene Situation, für die es kaum zeitgemäße Gründe gibt, findet Waldschmidt — zumal weitere Sparbemühungen von den meisten Bühnen kaum zu leisten sind: „Wo wollen Sie denn noch sparen? Der größte Teil der Ausgaben sind feste Personalausgaben. In Betracht käme im Einzelfall nur noch eine Spartenschließung, aber die trifft immer die Schwächsten, zum Beispiel den Tanz.“ Im Übrigen sei das Einsparungspotenzial nicht hoch. Für die Sanierung der öffentlichen Haushalte bringe selbst eine Theaterschließung wenig — „laut Statistischem Bundesamt geben die Kommunen auf Landesebene gerade mal 1,8 Prozent ihres Geldes für die Kultur aus. Eine Schließung bedeutet unwiederbringliche Zerstörung.“

Derzeit bereichern die Theater mit ihrem hochkarätigen Personal die Infrastruktur der Städte. „Es gibt eine intensive Zusammenarbeit zum Beispiel mit Universitäten oder Musikschulen. Dort bieten sich Möglichkeiten, zum Beispiel für den Musikunterricht, die sie ohne das Theater nicht haben. Die Theaterlandschaft gehört eindeutig zu den kulturellen Schätzen einer Region. Nur mit Gastspielen können Sie diese kulturelle Vielfalt niemals erreichen“, sagt der Intendant. Für ihn ist eindeutig, was Theater kann: „Sie müssen sich fragen, in was für einer Stadt Sie in Zukunft leben wollen. Theater bereichert jede Region auf vielfältige und unverzichtbare Weise.“