Aktuell
Home | Kultur Lokal | Gutes Bauen braucht gute Zeiten
Er sei Kontextualist, sagt Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter und plädiert für ein Bauen mit scharfem Blick auf das, was der Ort anbietet. Foto: t&w
Er sei Kontextualist, sagt Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter und plädiert für ein Bauen mit scharfem Blick auf das, was der Ort anbietet. Foto: t&w

Gutes Bauen braucht gute Zeiten

oc Lüneburg. Am Ende holte die Realität die Diskutanten ein. Bauen braucht Zeit, gutes Bauen gute Zeiten. Vor einem halben Jahr noch, sagt Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter, habe man das Ausmaß dessen nicht abschätzen können, das nun notwendig ist, nämlich in kurzer Zeit das Vier- bis Fünffache an sozialem Wohnungsbau zu stemmen. Eigentlich hätte es an diesem Punkt des Abends im Museum gerade um die gestalterische Kraft von Farbe gehen können, ging es auch, doch mit dem Zustrom von Flüchtlingen rücken manche Fragen denn doch nach hinten. Bauen aber bleibt auf allen Ebenen ein Thema, und dass es interessiert, machte der sehr gute Besuch zum Baukulturgespräch deutlich. Thema war die „Stadt der Quartiere“.

Eingeladen hatte das Forum Baukultur, eine Initiative, die auf den Lüneburger Architekten Carl-Peter von Mansberg zurückgeht. Das Forum will Interesse und Verständnis für Baukultur wecken, und das gelingt. Das Podium war bei dieser zweiten Podiumsdiskussion prominent besetzt: Rainer Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, moderierte den Abend. Neben Hamburgs Oberbaudirektor kam Prof. Paolo Fusi von der HafenCity-Universität zu Wort.

Rainer Nagel, der in Berlin und Lüneburg lebt, skizzierte die Situation eines Landes mit auseinanderdriftenden Regionen. Regional gesagt: Lüneburg wächst als vergleichsweise junge Stadt, Lüchow/Dannenberg und Uelzen schrumpfen und altern. Mit Daten aus dem Baukulturbericht zeigte Nagel, dass zwar das Leben im Ländlichen idealisiert werde, als erste Priorität für das eigene Wohnumfeld aber die Erreichbarkeit von Infrastruktur gelte. Das steigert die Attraktivität von Metropolregionen wie Hamburg. 8000 Pendler zwischen Lüneburg und Hamburg belegen das.

Seit 1999 ist Jörn Walter Oberbaudirektor in Hamburg und zweifellos ein weit über das Land hinaus profilierter Stadtplaner. Walter skizzierte Hamburger Quartiere, ihre Eigenheiten und benannte typische Kontraste: das weiße Hamburg und die ruhige Alster, das rote Backstein-Hamburg und die raue Elbe. Jedes Quartier braucht seine eigene Antwort, und da sich Walter als „Kontextualist“ bezeichnet, entscheiden das, was am Ort vorzufinden ist, und die Geschichte eines Viertels mit über das, was entsteht. Da fallen dann Begriffe wie Maßstäblichkeit und Typologie.

Deutlich sprach sich Walter für Durchmischung aus. Bekanntlich sollen bei Hamburger Bauvorhaben im Drittelmix Eigentumswohnungen, frei finanzierte Einheiten und Sozialwohnungen entstehen. Durchmischung betrifft auch die Nutzung. Werden Erdgeschosslagen nicht für Wohnungen, sondern gewerblich genutzt, entsteht dort soziales Leben und wird ein Quartier zu mehr als einem Schlafort. Walter hatte auch ein — gut gemeintes — Negativbeispiel parat, ein Quartier aus großen Einzelkuben mit großzügigen Grünflächen dazwischen, die aber kaum genutzt werden.

Prof. Fusi lieferte einen eher akademischen Beitrag, sprach von der Morphologie der Städte und griff zurück auf den Nolli-Plan, eine historische Topographie Roms, die das Verhältnis von Wohn- und öffentlichem Raum sicht- und nachvollziehbar machte. Wie sich Architektur und Räume auf Arbeiten und Leben auswirken können, zeigte Fusi an einer Fülle von Beispielen.

Im wachsenden Lüneburg bilden sich neue Quartiere. Wo sie aus ehemaligen Kasernen entstehen, besitzen sie Identität, die Leuphana zum Beispiel oder Lünepark als gewerblich geprägtes Viertel. Über andere mit ihrem starken Anteil an Einfamilienhäusern und Stadtvillen ließe sich streiten, und Carl-Peter von Mansberg goß da Öl hinein. Er sorge sich um die Gestaltung der Peripherie, sagte er und beklagte eine „Zufälligkeit des Entstehens“. Dass Heiko Dörbaum, der seit 20 Jahren den Bau-Ausschuss der Stadt leitet, den Fall anders sieht, war klar. Der umsichtige Rainer Nagel fand einen versöhnlichen Beschluss: Es gebe doch bei allen an Bauprojekten Beteiligten eine wachsende Akzeptanz von Gestaltungsregeln.

750000 Wohnungen fehlen
Deutschlands Architekten fordern angesichts der Flüchtlingskrise eine „Renaissance des Wohnungsbaus“. In Deutschland fehlten mehr als 750000 Wohnungen, teilte die Bundesarchitektenkammer in Berlin mit. Vor allem in Städten steige der Bedarf an günstigem Wohnraum. Die Architekten listeten auf, wie man den Bau bezahlbarer Wohnungen ankurbeln könnte. Standards, Baurecht, Planungsrecht und Genehmigungsverfahren müssten geändert werden.
Der Maßnahmenkatalog richtet sich vor allem an die Politik. Bislang knüpften zum Beispiel zu wenige Kommunen den Verkauf von Grundstücken an Bedingungen für den sozialen Wohnungsbau, kritisierte die Kammer. Grundstücke würden häufig noch immer nur nach dem Prinzip des Höchstgebots vergeben. Baulücken müssten geschlossen werden. Die Vereinigung sieht Wohnungsbauunternehmen und private Bauherren in der Pflicht, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Sie schlägt auch vor, Wohnungen nicht immer gleich perfekt auszubauen. Nach Ansicht der Kammer müssten Experten auch prüfen, ob mit dem Zuzug von Flüchtlingen Wohnungen anders geschnitten sein müssen. Derzeit würde viel für kleine Familien, Singles und alte Menschen gebaut. dpa