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Arbeit im Hamburger Studio am Soundtrack für The Revenant, von links: Felix Ernst, David Gutfleisch, Gunnar Kötke und Daniel Orthey. Foto: h.o.m.e. studio, nh
Arbeit im Hamburger Studio am Soundtrack für The Revenant, von links: Felix Ernst, David Gutfleisch, Gunnar Kötke und Daniel Orthey. Foto: h.o.m.e. studio, nh

Wie Lüneburger zu Soundtrack-Musikern für „The Revenant“ wurden

ff Lüneburg. Am Anfang war sich Daniel Orthey nicht sicher, ob das Ganze nicht einfach nur als blöder Witz zu werten sei: Im Sommer vergangenen Jahres fragte eine Agentur erstmals bei ihm nach, ob er sich vorstellen könne, Filmmusik mit seinem Percussionen-Ensemble Frantic einzuspielen. Natürlich konnte der Lüneburger Musiker sich das vorstellen, auch wenn er damit keine Erfahrung hatte. Als sich dann irgendwann eine zweite Agentur aus New York meldete, aber nicht recht herausrückte, worum es eigenltich geht, als alles immer nebulöser wurde, da schien sich das Projekt in Luft aufzulösen. Erst im Tonstudio erfuhren die Percussion-Künstler so quasi nebenbei: Sie würden Leonardo diCaprio begleiten.

An „drei Wochen kryptisches Hin- und Hergeschreibe“ erinnert sich Daniel Orthey im Vorfeld des Engagements. Vier Schlagwerker sollten es sein, die Filmleute jenseits des Großen Teiches schlugen große, also üppig ausgestattete Studios in Hamburg oder Berlin vor — Hamburg war da natürlich praktikabler. Aber: Sollte er einen Transporter (oder gleich einen ganzen Truck) für das ganze Equipment mieten? Was wird überhaupt gebraucht? Klar war vorher nur: Drei Szenen sollten bespielt werden, und es sollte archaisch klingen, düster, spannungsgeladen und irgendwie „stark rhythmisierend“.
Bei Cloud Hill Recordings in Hamburg fiel Orthey, der immer noch an eine eher kleine Produktion für die Programmkinos dachte, aus allen Wolken: „Der Hauptdarsteller (Leonardo DiCaprio) stürzt einen Wasserfall herunter“, so oder so ähnlich lautete eine Vorgabe zur Orientierung für die Musiker.
Und auch der Name des Filmkomponisten war eine Überraschung: Ryuichi Sakamoto (1952 in Tokio geboren), Komponist, Pianist, Produzent und Schauspieler. Für den Soundtrack von „Der letzte Kaiser“ (1987) erhielt Sakamoto gemeinsam mit David Byrne einen Oscar. Zuletzt arbeitete er für den Film „Women without Men“ von 2009.

Djemben, TomToms, Basstrommeln — es waren vor allem tief klingende Instrumente, mit denen Daniel Orthey, David Gutfleisch, Gunnar Kötke und Felix Ernst nun mehr oder weniger spontan einen Soundtrack für Action- und Kampfszenen entwickelten, die quer durch die Rocky Mountains führten. Das Material wurde jeweils sofort nach New York gebeamt, dort entweder gleich akzeptiert oder auch mal mit kleinen Änderungswünschen zurückgeschickt.

Am Ende hatten die vier Frantics auf drei mehrtägigen Sessions in zwei Studios sechs oder sieben Szenen akustisch gestaltet, nicht nur mit Musikinstrumenten, sondern mit allerhand Gerätschaften, die martialisch klingen, Nägeln auf Metall zum Beispiel. Der Produktionsprozess des riesigen Film-Apparates wandelte sich offensichtlich dauernd, immer wieder wurden Szenen verworfen, neu gedreht, wieder herausgeschnitten, und so fort. Erzählen durften die Musiker nach außen hin nichts, natürlich auch nichts fotografieren, „wir haben da einen dicken Stapel englischsprachiger Verträge unterschreiben müssen“.

Auf das Septett Frantic, das Daniel Orthey vor rund zehn Jahren — damals noch unter dem Bandnamen „Drumherum“ — gründete, war Ryuichi Sakamoto übrigens durch ein Youtube-Video aufmerksam geworden — „und er hatte tatsächlich eine CD von uns gekauft.“ Heute hält er ein handgeschriebenes Kärtchen in den Händen: „Dear Daniel (…), I`m proud of your work“. Auf die geleistete Arbeit stolz zu sein, das hat der Lüneburger Hollywood-Film-Musiker mit seinem japanischen Kollegen durchaus gemeinsam.