Donnerstag , 8. Dezember 2016
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Martha Sophie Marcus präsentiert „Herrin des Nordens“
Im Zeichen des Drachen und der Bogenschützin: Die Autorin Martha Sophie Marcus hat einen neuen historischen Roman geschrieben, er spielt vor allem in Haithabu. Foto: ff
Im Zeichen des Drachen und der Bogenschützin: Die Autorin Martha Sophie Marcus hat einen neuen historischen Roman geschrieben, er spielt vor allem in Haithabu. Foto: ff

Martha Sophie Marcus präsentiert „Herrin des Nordens“

ff Lüneburg. Das elfte Jahrhundert war keine gute Zeit mehr für die Wikinger, schon gar nicht für die Bewohner ihres legendären Handels-Stützpunktes Haithabu. Die Siedlung mit dem für Geschäftsleute (und Krieger) unschlagbar günstigen Standort an der Schlei zwischen Nord- und Ostsee verschwand 1066 von der Landkarte: Die Westslawen rückten zum finalen Angriff an, plünderten die Häuser und legten sie in Schutt und Asche. Historiker markieren mit diesem Jahr das Ende der Wikingerzeit. Für die Lüneburger Autorin Martha Sophie Marcus ist die rauhe Stadt ein wunderbarer Schauplatz für ihren neuen Roman „Herrin des Nordens“.

Das mittelalterliche Haithabu – in dem Namen stecken die Begriffe Heide und Hof – war ein Machtzentrum Nordeuropas, nach heutigen Maßstäben muss es eher klein gewesen sein: Es hatte nur rund 10 000 Einwohner, ungefähr so viel wie heute Adendorf. Die Heldin von Martha Sophie Marcus heißt Ingunn, ist zu Beginn des Romans (anno 1047) gerade 14 Jahre alt und schwärmt für den wenig älteren Torge, der aus England nach Dänemark gekommen ist, um Anspruch auf eine Erbschaft zu erheben.
Aber Torge bereitet sich darauf vor, ein Krieger der englischen Krone zu werden. Sein Bruder Jon dagegen, eher dem Umgang mit dem Wort als mit der Waffe verpflichtet, verliebt sich in Ingunn. Um Torge zu beschützen, kehrt er mit ihm nach England zurück. Ingunn hat bald andere Sorgen als Liebeskaummer: Harald der Harte, seit 1047 König von Norwegen, greift Haithabu an. Ingunns Mutter wird getötet, gemeinsam mit ihrem blinden Vater rettet die junge Frau das Handelsgeschäft der Familie und hat als Kaufherrin schließlich Erfolg. Dann begegnet sie Jon wieder, mittlerweile ein Gefolgsmann des dänischen Königs Sven.

Wechselhafte, stürmische Zeiten also, da kann auch Autorin mitrden: Ewiges Recherchieren, eine Geschichte mit ihren diversen Wendungen in den Griff bekommen, die in anderthalb Jahren auf 736 Buchseiten verdichtet wurde – „das alles hat viel Kraft gekostet“, so Martha Sophie Marcus. Es geht nicht zuletzt um die schwierige Balance zwischen Authentizität und modernen Lesegewohnheiten. Wie lässt sich das Lebensgefühl von Menschen im tiefsten Mittelalter glaubhaft beschreiben, die nicht lesen und schreiben konnten? Es gibt von den Wikingern so gut wie keine schriftlichen Quellen. Natürlich hatten die Menschen ähnliche Sehnsüchte und Gefühle wie wir heute, sie sind aber wohl in ihrer Religion, ihren Vorstellungen und ihrem Horizont in einer modernen, globalisierten Mediengesellschaft, schwer zu begreifen.

„Herrin des Nordens“, das lässt sich erstens auf Haithabu und zweitens auf Ingunn anwenden, ist nach „Der Rabe und die Göttin“ bereits der zweite Wikinger-Roman von MSM – und ihr achter Roman insgesamt. Erfahrung mit dem Verarbeiten historischer Stoffe ist reichlich vorhanden, fast immer sind es junge Frauen („Die Bogenschützin“, „Herrin wider Willen“), die sich in einer feindseligen (Männer-)Welt behaupten. Das wird auch in ihrem nächsten Projekt der Fall sein, es führt zu den Welfen des 17. Jahrhunderts, ins Celler Schloss. Und da genießt es die Autorin, ihre Protagonisten auch mal geschliffen parlieren und sorgsam formulierte Briefe schreiben zu lassen.
Jetzt aber sind erst einmal die Wikinger im Blick, der Roman (Goldmann Verlag, 9,99 Euro) erscheint am 18. Januar. Die überlebenden Einwohner von Haithabu waren übrigens seinerzeit an das andere Ufer der Schlei gezogen. Haithabu ist ein heute Wikingermuseum auf einer von einem Erdwall umschlossene Wiese – ein Sehnsuchtsort der Archäologen.