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Ilija Trojanow (re.), hier im Gespräch mit Prof. Dr. Sven Kramer, zeigt, wie Mächtige und ihre Opfer einen Systemwechsel erleben. Foto: t&w
Ilija Trojanow (re.), hier im Gespräch mit Prof. Dr. Sven Kramer, zeigt, wie Mächtige und ihre Opfer einen Systemwechsel erleben. Foto: t&w

LiteraTour Nord: Ilija Trojanow stellt neuen Roman vor

oc Lüneburg. Die Konstellation ist plakativ. Auf der einen Seite Konstantin, der Anarchist, der maximale Verächter staatlicher Macht. Auf der anderen Metodi, der Opportunist, der Büttel, der Folterer im Namen des Vaterlands, Aufsteiger im Dienst der Diktatur. Wie aber Ilija Trojanow in seinem Roman „Macht und Widerstand“ die äußere Hülle füllt, das ist erschreckend, klug, scharf recherchiert und auch spannend. Trojanow führt in seinem Buch, an dem er 20 Jahre arbeitete, nach Bulgarien, in die Zeit nach der Wende und zugleich in die der kommunistischen Diktatur. Trojanow kam jetzt zur LiteraTour Nord ins Heine-Haus und stieß auf großes Interesse.

Die Antagonisten dieses Romans kennen und hassen sich seit der Schulzeit. Trojanow lässt sie unabhängig voneinander erzählen. Konstantin hat die schlimmsten Foltern überstanden. Er will und kann nicht vergessen. Jetzt, wo Bulgarien als Demokratie firmiert, wühlt er sich mit bitterem Ernst durch die Archive, um zu ergründen, was war, wer für Verrat, wer für Folter steht. Metodi dagegen ist ein Dröhner, vulgär, selbstgefällig, ohne jedes Unrechtsbewusstsein, und auch nach der Wende lebt er in privilegierter Situation, bleibt er durch und durch Machtmensch: „Nur wenn man Angst vor dir hat, hast du Macht.“ Den Schläger traumatisieren die Schläge nicht. Dummerweise taucht eine junge Frau auf, die behauptet, Metodis Tochter zu sein, und dahinter verbirgt sich eines seiner dunklen Kapitel.

Trojanow führt bittere Wende-Erkenntnisse vor, allen voran die Kontinuität der Eliten. Diejenigen aber, die gegen das System standen und sich nicht brechen ließen, bleiben in der scheinbar neuen Zeit im Schatten, werden vergessen, nicht gewürdigt. Zu sehr halten sie ihren Zeitgenossen einen Spiegel vors Gesicht, in dem diese sich als Schweiger, Wegseher, Anpassler entdecken müssten. Das Phänomen ist aus der deutschen Geschichte nur zu bekannt, es dürfte auf alle Diktaturen zutreffen.

Trojanow, dessen Hauptfiguren leider recht klischeehaft rüberkommen, hat sich für seine Recherchen tief in die Archive gegraben. Er stellt fest, dass es Geheimdiensten, zumindest denen in der Diktatur, keineswegs um Wahrheit geht, sondern darum, alles einer vorgefertigten Erzählung anzugleichen. Für Konstantin bedeutet das: „Wer schweigt, ist schuldig. Wer redet, muss gestehen.“

Ilija Trojanow, 1965 geboren, kam als Flüchtlingskind nach Deutschland. Er lebte in München, Nairobi, Mumbai, Kapstadt und heute in Wien. „Stillstand ist nicht gut für Schriftsteller“, sagt er. Er spricht Kisuaheli und Hindi, aber wenn er schreibt, dann fließen ihm die Sätze mal auf Deutsch und mal auf Bulgarisch durch die Finger. 2006 hatte Trojanow einen Bestseller: „Der Weltensammler“ erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse.

Das Konstantin/Metodi-Muster bricht Trojanow, der sich als ausgezeichneter Vortragender erwies, mit zweierlei Einschüben auf. Er lässt – sowas geht – die Jahre erzählen, um den Geist der Zeit einzufangen. Und er druckt im Wortlaut Protokolle der Staatssicherheit ab, in denen der Irrsinn sich verselbstständigender Machtapparate deutlich wird. Das zusammen ergibt, trotz der überspitzten Zeichnung der Charaktere, einen überaus dichten und herausfordernden Roman eines politischen Autors. Die Diskussion im Anschluss an die von Prof. Dr. Sven Kramer moderierte Lesung war entsprechend rege.

Die mit 15 000 Euro dotierte LiteraTour Nord ist ein Wettbewerb der VGH Stiftung und bringt sechs Autoren in sechs Städte. In Lüneburg wird die Reihe von Literaturbüro und Leuphana präsentiert.

Zwei Lesungen im Heine-Haus stehen aus: Alban Nikolai Herbst liest am Mittwoch, 27. Januar, um 19.30 Uhr aus „Traumschiff“, Judith Kuckart am Mittwoch, 10. Februar, ebenfalls um 19.30 Uhr aus „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“. Bereits in Lüneburg vorgestellt haben sich Alina Bronsky, Ulrich Schacht und Ulrich Peltzer.