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Die Erinyen, rasende Rachegeister, bedrängen Orest, getanzt von Phong Le Thanh   das schwarze Tuch des Todes liegt bereit. Foto: tamme/theater
Die Erinyen, rasende Rachegeister, bedrängen Orest, getanzt von Phong Le Thanh das schwarze Tuch des Todes liegt bereit. Foto: tamme/theater

Standing Ovations für die „Orestie“ von Olaf Schmidt

Lüneburg. Rache ist ein großes Thema in diesen Tagen. Sie befeuert den Terror und betankt die Populisten. Sie ist politisch, sie ist privat und wird durch den „Revenant“ gar oscarreif. Rache aber ist ein ewiger Wiedergänger, sie ist uralt. Ein Fluch lastete schon auf dem Geschlecht der Atriden, und der Dichter Aischylos schrieb weit vor Christi auf, wie die Rache von Generation zu Generation Blutspuren zog, wie Tochter, Vater, Mutter und Geliebte sterben müssen — gemordet von der eigenen Familie. Die „Orestie“ des Aischylos in zwei Stunden und das mit den Mitteln von Tanz und von Musik? Das ist ein Risikoprojekt. Das reizt Lüneburgs Ballettchef Olaf Schmidt. Ihm ist ein fesselndes Stück Tanztheaterkunst geglückt.

Es ist eine Geschichte für heute, sie wird am Theater Lüneburg mit Standing Ovations aufgenommen. Allein dieses erste Bild! Es herrscht Grabeskälte im Palast des Agamemnon (Wallace Jones). Stocksteif sitzt der Herrscher von Mykene zu Tisch. Am anderen Ende thront wie meilenweit entfernt seine Frau Klytämnestra (Giselle Poncet). Verloren in der Mitte zwischen ihnen Iphigenie (Harumi Washiyama). Plötzlich quellen unter dem Tisch wie aus den Gedärmen die Erinyen hervor, die Furien der Rache, die all das dunkel Rasende im Menschen verkörpern. Sie werden gleich dem klassischen griechischen Chor die Tragödie begleiten und befeuern.

Agamemnon opfert seine Tochter — für gute Winde auf dem Weg des Schlachtenlenkers nach Troja. Die Götter müssen verrückt sein, das zu fordern. Aber so will es der Atridenfluch. Wallace Jones tanzt diesen Agamemnon mit körperlicher Betonung, alles an ihm ist Kraft und Macht. Klytämnestra, verkörpert von Giselle Poncet, hält Stolz und Leidenschaft dagegen, und sie hasst ihren Mann und wird seine Geliebte Kassandra (Mara Sauskat) und ihn töten, wenn er aus Troja heimkehrt.

Hass gebiert Hass gebiert Hass. Es wird Orest (Phong Le Thanh) sein, ihr Sohn, der die Mutter mordet. Dann endlich erschöpft sich der Fluch, ihn bricht der Gott des Lichts, ein weiß gekleideter Apollon (Marco Dalia). Das Ende, das Olaf Schmidt setzt, das ist schon sehr fett, es führt mitten hinein ins Heute und geht wie der gesamte Abend nicht spurlos am Besucher vorbei. Jeder, der dieses Stück gesehen hat, wird über es reden. Was kann Theater mehr wollen!

Olaf Schmidt ist ein großartiger Verdichter. Er bringt einen gewaltigen Stoff, herausfordernde Musik, ein faszinierendes Repertoire an Bewegungen, sich einprägende Bilder und die Intensität von Gefühlen zu einer Dichte, die seine „Orestie“ wie Lyrik wirken lässt. Lyrik, die sich durch Lesen und nochmals Lesen tiefer zu erschließen beginnt. Das schmälert Reiz und Kraft des einmaligen Besuchens nicht. Schmidt hat eine klare Vorstellung von dem, was er erreichen will, und feilt an Bildern, Figuren, Kostümen und Bewegungen bis kurz vor der Premiere. Er hat dieses Ringen gewonnen und den Ruf, den seine zehnköpfige Tanzcrew über das klassische Einzugsgebiet des Theaters erworben hat, bestärkt.

Der Abend ist nicht bequem. Einmal, da scheint es heiter zu werden. Klytämnestra heiratet ihren Geliebten Aegisth (Matthew Sly), und Komödianten tanzen ihnen etwas. Aber sie tragen doch das Gewand der Rachegeister unter der Karnevalskappe, und dazu donnert aus dem Graben eine Musik greller Aggressivität. Die Lüneburger Symphoniker machen mit ihrem jungen Kapellmeister Robin Davies einen ganz starken Job. Die Musik von Górecki bis Wagner und vor allem die wellenartig treibenden Klänge von Philip Glass verschmelzen mit dem Bühnengeschehen zu einem schlüssigen Gesamtwerk. Zu ihm zählen die weite Bühne (Manuela Müller) mit Stufen, die an Wänden enden, die Kostüme (Claudia Möbius) mit Verweisen auf die Gegenwart, das Licht (Walter Hampel) und vieles mehr

Es gibt im tödlichen Geschehen, bei dem sich immer wieder ein schwarzes Tuch auf die Menschen legt, Momente großer Innigkeit. Im Zusammenfinden der Geschwister Orest und Elektra (Claudia Rietschel) manifestiert sich schon verzweifelt der Wunsch nach einem Leben in Frieden. Doch Orest wird sich mit Blut besudeln, und selbst Apollon, der Gott des Lichtes der Gerechtigkeit hat eine Kehrseite.
Über diese „Orestie“ lässt sich wunderbar streiten. Vorher muss man sie gesehen haben. Das ist wieder möglich am Freitag, 22. Januar. H.-M. Koch