Donnerstag , 8. Dezember 2016
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„Das Leben ist (k)eine Kunst“ heißt Wladimir Kaminers aktuelles Programm. Foto: t&w
„Das Leben ist (k)eine Kunst“ heißt Wladimir Kaminers aktuelles Programm. Foto: t&w

Wladimir Kaminer im Vamos

ff Lüneburg. Eigentlich soll Wladimir Kaminer aus seinem neuen Buch „Das Leben ist (k)eine Kunst“ lesen. Aber das sind ja Texte aus 2015. Längst ist der Autor, der jedes Jahr ein neues Buch veröffentlicht, ein paar Schritte weiter. Und was treibt die Deutschen gerade um, zu denen der gebürtige Russe längst auch gehört? Richtig, die Flüchtlinge, „die Syrer“, wie Kaminer sie kategorisch nennt. Im fast vollbesetzten Vamos erzählte er, die Regeln der political correctness fröhlich missachtend, denn auch von Erfahrungen mit den Syrern.

Wladimir Kaminer, der 1990 aus der Heimat in die (noch existierende) DDR emigrierte, bei den Lesungen immer noch mit deutlichem Akzent spricht, wirkt wie eine Mischung aus schlitzohrigem Russen und pflichtbewusstem Deutschen – als „Rotwein-Russe“ hat er sich einmal bezeichnet. Sein erster Erzählband „Russendisko“ aus dem Jahr 2000 beschreibt die ersten Jahre in Deutschland, er wurde ein Volltreffer. Bis heute veröffentlicht Kaminer, Jahrgang 1967, autobiographisch geprägte Kurzgeschichten. Sie handeln mal von seinen Versuchen, sich in einer streng reglementierten Berliner Schrebergarten-Kolonie zu behaupten. Das klappte natürlich nicht, „ich hatte Probleme mit spontaner Vegetation.“ Seither pflegt er eine Parzelle weit draußen in der Provinz. Oder sie erzählen von seinen Kindern Nicole und Sebastian, die zwar brav das Gymnasium besuchen, aber ihre Eltern – wie alle Gören – in den Wahnsinn treiben. Rund drei Millionen Bücher hat der fleißige Autor, der meistens auf Achse ist, bisher verkauft.

Kürzlich war Kaminer in Deutschland für das Fernsehen unterwegs, für eine Doku-Serie namens „Kulturlandschaften“. Da hat er einen Künstler in der Eiffel besucht, der die Maori aus Neuseeland am anderen Ende der Welt einladen und dafür einen Tunnel quer durch die Erde graben wollte. „Die Maori kamen nicht zur Begrüßungsfeier des Künstlers, aber dafür alle Nachbarn.“ Es ist wohl dieser knochentrockene, mit ein wenig russischer Melancholie gemischte Ton, der Kaminers Erfolg ausmacht.
Und die Syrer? Da ist zum Beispiel die Geschichte von einer „Event-Bäckerin“, die Spaß-Torten-Utensilien bestellt hat. Leider gibt der Postbote das Päckchen bei den Syrern im Stockwerk darüber ab. Die Bäckerin klingelt, die Zwei-Zimmer-Wohnung wird offensichtlich von einer unendlichen Großfamilie bewohnt.

Natürlich ist das Päckchen geöffnet („Wir dachten, es könnte eine Bombe sein…“), alles wird aber – einzeln – ausgehändigt, und irgendwie schafft es Kaminer, dass die Beteiligten sympathisch wirken. Vielleicht ist es ja die Solidarität eines Autors, der selbst sein Land mit ungewisser Zukunft verließ. So ist wohl auch die Geschichte von Onkel Vitali aus Odessa zu verstehen: Der Onkel ist ein Bücherwurm, kultiviert, lebt noch bei Mama und hatte, obwohl durchaus umworben, noch nie etwas mit einer Frau. „Er war schon immer schwul“, erzählt Kaminer lakonisch; Homosexualität ist in Russland zwar nicht verboten, aber es erfordert schon Verwegenheit, sich zu outen.
Auch 2017 wird Kaminer nach Lüneburg kommen, gern wieder ins Vamos. Aber dessen Zukunft ist ungewiss. Der Autor empfahl, sich an der Petition der Betreiber zu beteiligen.