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Frank Witzel wurde im Heine-Haus von Claudia Kramatschek vorgestellt, Mitglied der Jury, die Witzel zum Buchpreisträger kürte. Foto: t&w
Frank Witzel wurde im Heine-Haus von Claudia Kramatschek vorgestellt, Mitglied der Jury, die Witzel zum Buchpreisträger kürte. Foto: t&w

Mit Frank Witzel durch die Zeit

oc Lüneburg. Vorsicht vor diesem Buch! Es ist ein Abgrund, eine Versuchung, ein Labyrinth, ein um sich schlagendes Monstrum, und Claudia Kramatschek hat es dreimal gelesen. 829 Seiten, eng bedruckt mit einem Titel zum Auswendiglernen: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Frank Witzel hat das Buch über einen Prozess von Jahren geschrieben, und Claudia Kramatschek gehörte zur Jury, die dem Brocken von einem Roman den Deutschen Buchpreis zuerkannt hat. Beide saßen nun im voll besetzten Heinrich-Heine-Haus.

Dreimal also hat sie das Werk gelesen, „und jedes Mal ist es ein anderes Buch geworden“, sagt die Literaturkritikerin. Von einer Wunderkammer, einer Schatzkammer spricht sie angesichts eines Romans, der nicht zu fassen ist. Frank Witzel führt zurück zu einem Jungen in der Provinz nahe Wiesbaden, einem Jungen, wie er einer 1969 war. Witzel, geboren 1955, steigt ein in seine Erinnerungen, die er präzise ausforscht. Erinnerungen, das sind bis ins Skurrile pointierte Situationen, Phantastereien, Gefühlsverwirrungen, Nachdenkarbeiten, mäandernde Reflektionen, Vermischungen von Fakt und Fiktion, und das kann den Leser an den Rand des Lesenwollens führen. Auf Frank Witzels Roman muss man sich einlassen, man muss ihn sich erarbeiten. Es gibt so etwas wie rote Fäden, aber vielmehr gilt es, eine Collage aus Erzählung, innerem Monolog, philosophischer Betrachtung, Gesprächsprotokoll und mehr zu erobern. Der Kampf lohnt.

Witzel porträtiert eine Welt im Umbruch. Es liegt ein Schweigen auf dem Land, dessen führende Köpfe sich nicht erinnern wollen, es gärt noch viel zu viel im deutschen Sumpf. Das Curriculum für das Fach Geschichte endet folgerichtig mit der Weimarer Republik. Witzels 13-Jähriger Fabrikantensohn schlägt sich im Jahr 1969 mit dem Kind in sich herum, es ist von Elternhaus und katholischen Religionsriten geprägt. Und es erlebt einen Aufbruch, der hat mit Terror zu tun, den das Kind als Action phantasiert, der sich in seiner tatsächlichen Form streckenweise als Pop stilisierte – bis er in Blut versank. Pop, Rock, sprich Musik, das war eine neue Verheißung für die Kinder der Zeit, verbunden mit der Notwendigkeit, die vier Beatles-Mitglieder in der richtigen Reihenfolge nennen zu können. Eine verwirrende Zeit, aufgefangen in einem verwirrenden Buch.

Witzel entwirft ein Zeitpanorama, ein Panoptikum mit Typen von Armin Dahl bis Louis Trenker, ein Sittenbild, in das der Autor eine Menge Witz einbaut, mal sehr deutlich und mal subtiler, wenn in einem Kapitel der Pfarrer Fleischmann und der Psychologe Dr. Märklin auftreten. Da fehlt eigentlich noch jemand namens Trix, um die konkurrierenden Modellbahnen der Jungenjahre einzuflechten. Wenn Frank Witzel aus seinem Roman liest, wird unterschwellige Ironie noch deutlich spürbarer als beim eigenen Lesen. Sehr angenehm, dass im Heine-Haus die Frage nach den Fragen aus dem Publikum mit einem weiteren Kapitel Vorlesen beantwortet wurde.