Aktuell
Home | Kultur Lokal | LiteraTour Nord: Alban Nikolai Herbst stellt „Traumschiff“ vor
Erzähl- und Gedichtbände, Hörstücke, Romane: Alban Nikolai Herbst ist ein vielseitiger Autor. Als Zigarettenraucher ist der temperamentvolle Künstler bei der elektrischen Version angekommen. Foto: t&w
Erzähl- und Gedichtbände, Hörstücke, Romane: Alban Nikolai Herbst ist ein vielseitiger Autor. Als Zigarettenraucher ist der temperamentvolle Künstler bei der elektrischen Version angekommen. Foto: t&w

LiteraTour Nord: Alban Nikolai Herbst stellt „Traumschiff“ vor

ff Lüneburg. Es gibt so gewisse Vorstellungen über „Traumschiff“-Kreuzfahrten: Schwimmende Städte mit einem riesigen roten Kussmund auf dem Bug, muntere Senioren, die an den Küsten-Metropolen dieser Welt mal kurz an Land gehen, sich von weißgekleideten Stewarts bedienen lassen und sich im nächsten Jahr alle an Bord wiedersehen. Das „Traumschiff“ von Alban Nikolai Herbst funktioniert anders. Der Autor richtet den Blick in seinem Roman auf diejenigen, die diskret als Letzte an Land getragen werden. Als Gast der LiteraTour Nord stellte Herbst im Heinrich-Heine-Haus Utopien eines würdevollen Sterbens vor.

Gregor Lanmeister steht an der Reling und beobachtet die Passagiere auf der Gangway. „Wer bringt das Bewusstsein mit?“ Das ist eine zentrale Frage, die ihn umtreibt, ihm ist klar: Er wird – und will – auf dem Schiff sterben, verlässt es nie mehr, bisher hat er es immer irgendwie geschafft, am Ende jeder Reise an Bord zu bleiben. Mit ihm reisen 144 Auserwählte (von denen sieben oder acht explizit beschrieben werden), eine diffuse Gesellschaft, die sein Schicksal wohl teilen wird. Dazu gehört auch Monsieur Bayoun, der Lehrmeister von Lanmeister, ebenso wie die junge Salonpianistin Lastotschka, die „Feenseeschwalbe“.

Schiffe funktionieren in der Literatur gut als abgeschlossene Mikrokosmen der Gesellschaft. Der Ich-Erzähler nähert sich den Reisenden und spinnt Geschichten vom Berühren, von Annährerungen und Abschied, auch von Meditation und Bewusstseinserweiterung – wenn da nicht die Bordkapelle mit ihren grauenhaften Gassenhauern nerven würde. „Traumschiff“ ist keine Esoterik, sondern zunächst eine konkrete, auch von Humor durchflutete Erzählung – bloß keine Nähe zum Kitsch! Natürlich bilden das endlose Meer und der weite Himmel Projektionsflächen, „am Ende sind wir ein Rinnsal ins Meer“, schreibt Herbst. Aber er sagt auch: „Für Übergänge haben wir kaum eine Sprache“, ohnehin ist der Tod, das liegt in der Natur der Sache, nicht zu beschreiben, „den letzten Schritt über die Schwelle tut jeder allein“. Auch Reflexionen über Seelenwanderung helfen nicht weiter: „Seltsamerweise“, so Herbst, „war jeder früher Cäsar oder Cleopatra oder zumindest ihnen nahe – aber nie war einer Hitler“.

Der Autor hat ein Motto: Immer schön geerdet bleiben, davon berichtete er im Gespräch mit Moderator Prof. Dr. Sven Kramer. Zwei Kreuzfahrten, wie im Roman auf kleinen Schiffen mit schlechter Musik, hat er im Vorfeld des Romans unternommen, beim Thema Altenpflege erinnert er sich an die eigene Zivi-Zeit („…auch wenn das 40 Jahre her ist…“), und ohnehin komme eine andere Perspektive als die des Ich-Erzählers nicht in Frage, „ich habe kein Recht, über andere zu schreiben“.

Alban Nikolai Herbst, Jahrgang 1955, ist eine durchaus schillernde Figur. Dazu gehört, dass er auch mal fünf Jahre als Aktien- und Devisenbroker gearbeitet hat, auf rund 30 Publikationen (darunter die monumentale „Anderswelt“-Trilogie) verweisen kann, schon früh in Weblogs die Auseinandersetzung mit dem Publikum suchte, bei der Lüneburger Lesung die Kapitel, um das Gefühl für Sprachrhythmus zu schärfen, durch Gedichte verband – und als Sprecher eine Performance ablieferte, die nicht jeder Schauspieler so hinbekommen hätte.

Letzter Gast der LiteraTour Nord ist Judith Kuckart, sie liest am 10. Februar.