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Foto:  Laima Chenkeli/nh
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LiteraTour Nord: Judith Kuckart liest im Heine-Haus

ff Lüneburg. Wahrnehmung ist eine subjektive Sache, und der Erinnerung, das wissen nicht nur Psychologen und Neurologen, ist ohnehin nicht zu trauen. So bleibt Darstellung, egal ob auf der Bühne, im Bild oder im Buch, immer eine heikle Angelegenheit – zumindest, wenn sie Anspruch auf Gültigkeit und Zuverlässigkeit erhebt. Die Autorin Judith Kuckart hat mit ihrem aktuellen Buch „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ ein Netz ausgeworfen, um möglichst viele Aspekte von den geschilderten Szenen einzufangen. Näheres besprach sie mit Prof. Dr. Sven Kramer bei der letzten Lesung der aktuellen LiteraTour Nord im Heinrich-Heine-Haus.

Silvester verbringt der 18-jährige Leonhard allein im Haus seiner Eltern. Am Neujahrsmorgen hat es mit der Einsamkeit ein Ende – eine wildfremde Frau schläft mit ihm auf dem Boden in der Diele, und am Tag darauf noch einmal, etwas bequemer, im Gästezimmer. Auch Emilie und Maria, beide über siebzig, werden bei ihrer Reise in ein tschechisches Kurhotel mit durchaus unerwarteten Ereignissen konfrontiert.

So beginnt Judith Kuckart, die Autorin, Tänzerin, Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin, ihren Roman, eigentlich ein Mosaik aus elf Kapiteln. Sie lassen sich auch einzeln als Kurzgeschichten lesen. Gemeinsam ergeben sie den Versuch, die Protagonisten in ihren Entscheidungen und Wegen in den Griff zu bekommen – „der Versuch der Synchronisation der Geschichten“, sagt die Autorin, und: „Erinnern und Erleben sind psychologisch das Gleiche, die Erinnerung soll mit der Gegenwart konkurrieren.“
Die Akteure der Kapitel beeinflussen einander – mal direkt, mal kaum spürbar, alles ist miteinander verwoben. Sie tauchen als Hauptpersonen auf, „oder sie gehen nur durchs Bild, wie bei Hitchcock“, sagt Judith Kuckart. Sie sind verschiedener Herkunft und jeden Alters, auch ihre Lebensbedingungen differieren: „Mich interessieren nicht die Milieus, sondern ihre Grenzen.“ Gemeint sind also jene Schauplätze, in denen die Konfrontationen stattfinden, in denen etwas passiert, und das ist eben auch die Liebe. Ihren Ausprägungen und Erscheinungsformen gilt das eigentliche Interesse der Autorin, die einzelne Person dagegen sei kaum seriös zu beschreiben – diese Position hatte Alban Nikolai Herbst in seiner LiteraTour-Lesung zwei Wochen zuvor übrigens auch vertreten.

Für Dr. Sven Kramer war es ein besonderer Abend – nämlich sein letzter, jedenfalls als Moderator der LiteraTour Nord. Zehn Jahre lang hatte der Leuphana-Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft und literarische Kulturen die Autoren vorgestellt, sie auf dem Podium befragt und mit ihnen diskutiert, mit ihnen gelacht und sich auch mal anknurren lassen.

Künftig wird sein Kollege Dr. Tilmann Lahme die Aufgabe übernehmen. Kerstin Fischer, Leiterin des Literaturbüros Lüneburg, dankte Sven Kramer für seine Arbeit. Dabei erinnerte sie auch daran, dass der Professor seit 2006 Seminare über die Autoren und ihre Werke veranstaltet und damit die Stadt als Station der Lesungs-Reihe in dieser Zeit möglich gemacht hatte: Die akademische Begleitung ist Bedingung für die Teilnahme an der LiteraTour.