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Rudolf Innig, hier in der St.-Anton-Kirche Zürich, gilt als Fachmann für die Orgelwerke der Romantik, gibt zahlreiche Konzerte im In- und Ausland. Jetzt nahm er  Kompositionen von Händel auf, die nachträglich dem Geschmack späterer Generationen angepasst wurden. Foto: nh
Rudolf Innig, hier in der St.-Anton-Kirche Zürich, gilt als Fachmann für die Orgelwerke der Romantik, gibt zahlreiche Konzerte im In- und Ausland. Jetzt nahm er Kompositionen von Händel auf, die nachträglich dem Geschmack späterer Generationen angepasst wurden. Foto: nh

Rudolf Innig spielt in der St.-Nicolaikirche Orgelwerke aus dem Barock ein

ff Lüneburg. Händel hatte ein Problem: Ihm lief das Publikum davon. Als Komponist und Operndirektor war Georg Friedrich Händel in London bestens etabliert bis er seine angestammte Bühne, das Theatre Royal Haymarket, an seinen Konkurrenten Nicola Porpora abtreten musste. Dieser spannte ihm auch noch seine besten Sänger/innen aus. In seiner Not, um neues Publikum zu gewinnen, komponierte und spielte Händel virtuose Solokonzerte für Orgel, sie bilden heute einen eigenständigen Werkszyklus. Der renommierte Organist Rudolf Innig hat sie in der Lüneburger St. Nicolaikirche als Album eingespielt.

Die insgesamt sechs „organ concertos op. 4“ waren ursprünglich nichts anderes als Pausen-Attraktionen für Händels Opern, die nun im Covent Garden Theatre vor zunächst meist leeren Rängen aufgeführt wurden. Weil diese anspruchsvollen Werke aber auch ein opulent ausgestattetes Instrument erforderten, ließ Händel auf eigene Kosten 1734 eine größere Orgel bauen, später finanzierte er zu diesem Zweck sogar eine noch größere.

Was aber führte Rudolf Innig für sein Projekt ausgerechnet nach Lüneburg? Die „Furtwängler & Hammer“ in St. Nicolai wird bundesweit in der Organistenbranche gerühmt aber als Instrument im reinen Klang der Romantik. Händel (1685-1759) dagegen galt neben Johann Sebastian Bach natürlich als Großmeister des Hochbarock, als Vertreter eines ganz anderen, eher der Transparenz als der Dramatik verpflichteten Klangideals also.

Die Erklärung trägt den Namen Samuel de Lange (1840-1911): Der niederländisch-deutsche Organist schrieb Händels Orgelwerke, dem Zeitgeschmack entsprechend einfach um, füllte beispielsweise Akkorde auf, die er als zu dünn empfand. „Kompositionen des Barock aufzumotzen, das war in der Romantik nichts Ungewöhnliches“, sagt Nicolai-Kantor Stefan Metzger-Frey. Das Bewusstsein für Stil-Epochen war eben noch nicht besonders ausgeprägt. Und die Bearbeitung hat ihren eigenständigen Wert, „sie klingt inniger, grundtöniger als das Original, wie ein ständiges Fließen“, so Metzger-Frey.

Rudolf Innig wiederum ist ein Romantik-Spezialist, Metzger-Frey lädt ihn regelmäßig zum Lüneburger Orgelsommer ein. Und so schloss er sich im Juni für drei Tage zusammen mit seinem Tontechniker in die Kirche ein, um die sechs Händel-Lange-Concertos von insgesamt anderthalb Stunden Spielzeit aufzunehmen. Innig handelt gern nach dem Motto „ganz oder gar nicht“, so hatte er beispielsweise schon sämtliche Orgelwerke von Brahms, Mendelssohn und Messiaen eingespielt, dafür internationale Preise gewonnen. Das neue Album ist in der St. Nicolaikirche erhältlich. Zu der Doppel-CD (Label: Dabringhaus und Grimm) gehört ein umfangreiches Booklet, es beschreibt sogar, und zwar akurat auf den Takt genau, die von Rudolf Innig gewählten Register.