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Gerhard Henschel sprach im Heine-Haus über sein gewaltiges Autobiographie-Projekt. Martina Sulner moderierte den Abend. Foto: t&w
Gerhard Henschel sprach im Heine-Haus über sein gewaltiges Autobiographie-Projekt. Martina Sulner moderierte den Abend. Foto: t&w

Gerhard Henschel stellt im Heine-Haus seinen „Künstlerroman“ vor

ff Lüneburg. Die meisten Schriftsteller arbeiten sich von einer Buch-Idee zur nächsten. Gerhard Henschel, Jahrgang 1962, ist für die nächsten 20 Jahre verplant — mindestens. Dabei befindet er sich im Wettrennen mit sich selbst, und wenn alles glatt läuft, dann hat er sich im Alter von 75 Jahren eingeholt. Henschel schreibt seine Autobiographie, ein wahrhaft ambitioniertes Projekt. Im Heinrich-Heine-Haus stellte er — im Gespräch mit Moderatorin Martina Sulner — den „Künstlerroman“ vor, das ist der fünfte Band der Geschichte.

Gerhard Henschel heißt jetzt Martin Schlosser, aber außer den Namen hat er nicht viel geändert. Eigentlich sollte nach dem ersten Buch, das sich hauptsächlich um die Eltern dreht, Schluss sein. Doch die Leser wollten immer wieder Fortsetzungen über das Leben des Schülers und Studenten Schlosser, also Henschel, weshalb der Autor irgendwann beschloss, das ganze Leben zu erfassen. „Für jedes Buch, in dem zweieinhalb Jahre vergehen, brauche ich anderthalb Jahre“, so der Autor. Also kommt er irgendwann in der eigenen Gegenwart an — und der letzte Band wird dann der „Arzt­roman“ eines Greises sein. Jetzt aber ist erst einmal der „Künstlerroman“ aktuell, es geht da­rum, wie der Protagonist in den 80er-Jahren seine Lebensperspektive ändert, das Germanistik-Studium hinwirft und eben zum Künstler wird.

Ein Entwicklungs- oder Bildungsroman also. Insgesamt ein gewaltiges Erinnerungs-Experiment, schließlich soll alles authentisch und so präzise wie möglich sein, „das bin ich dem Leser schuldig“, so Henschel. Zum Glück habe er „ein gusseisernes Gedächtnis“. Wichtiger aber ist eine alte Tugend: Bei Henschels wurden noch viele Briefe geschrieben, fast alle sind aufbewahrt, bei dem Autor daheim stehen 500 Leitzordner mit Unterlagen aller Art. Ein Familien-Archiv, das auf Walter Kempowski verweist. Tatsächlich war Henschel mit dem literarischen Chronisten befreundet, und als er neulich im Feuilleton als „Kempowski-Nachfahre“ bezeichnet wurde, war ihm das nicht unangenehm.

Zwei weitere Dinge befördern Henschels Arbeit: Eigentlich alle Zeitgenossen sind hilfsbereit und überlassen ihm Material. Dazu gehören auch die Briefe, in denen Schlosser und seine Freundin Andrea über die Liebe debattieren — sie führten nämlich eine offene Beziehung, was natürlich schief ging und hauptsächlich Eifersucht erzeugte. Zweitens: Im Internet ist alles zu finden — sogar, an welchem Tag mit wieviel Richtigen im Lotto wieviel Geld gewonnen wurde. Nicht mehr herauszubekommen war, wann Schlosser ein bestimmtes Reinhard-Mey-Konzert besuchte. Da konnte auch der Liedermacher selbst nicht weiterhelfen.

Dem Künstler- wird 2017 der Arbeiterroman folgen, von der Kunst kann Schlosser offensichtlich nicht leben. Die Songs von Bob Dylan werden ihn weiterhin begleiten, „er hat mir immer vorgesungen, wie es mir gerade geht“. Der legendäre Singer/Songwriter, von Fans „His Bobness“ genannt, schrieb vor einigen Jahren seine Memoiren, Henschel hat den ersten Band zusammen mit einer Kollegin übersetzt. Überhaupt ist der Autor (und Übersetzer) nicht immer nur mit sich selbst beschäftigt — 38 Bücher hat Henschel bisher publiziert.