Aktuell
Home | Kultur Lokal | Die Goldene Tafel soll glänzen
Eine Statuette im Skulpturenschrein der Goldenen Tafel, die zu den wertvollsten Exponaten des Landesmuseums Hannover gehört. Foto: nh
Eine Statuette im Skulpturenschrein der Goldenen Tafel, die zu den wertvollsten Exponaten des Landesmuseums Hannover gehört. Foto: nh

Die Goldene Tafel soll glänzen

oc Hannover. Kein Kunstschatz aus Lüneburg beflügelt Experten und Geschichtenerzähler so wie die Goldene Tafel. Sie gilt als ein Hauptwerk der europäischen Gotik um 1400, schmückte rund 400 Jahre lang die Michaeliskirche. Der Schatz der Goldenen Tafel wurde wiederholt geplündert, die Geschichte vom schändlichen Kirchenräuber Nickel List oft erzählt. Der Altar selbst wurde wie die gesamte mittelalterliche Ausstattung der Kirche Ende des 18. Jahrhunderts — zu Zeiten des Abtes Friedrich Ernst von Bülow — aus der Kirche geräumt. Heute freut sich das Landesmuseum Hannover über einen „der größten Altaraufsätze Nordeuropas“, einen der „bedeutendsten Schätze des niedersächsischen Kulturerbes“. Jetzt rückt die Goldene Tafel erneut ins Rampenlicht.

Spezialisten aus Kunstgeschichte und Kunsttechnik haben über vier Jahre in einem groß angelegten Forschungsprojekt die erhaltenen beiden Flügelpaare erforscht. Im aufgeklappten Zustand erreicht der doppelt wandelbare Altar eine Spannweite von 7,40 Meter. Den Bilderzyklus mit Szenen aus dem Leben von Jesus und Maria und die zahlreichen vergoldeten Heiligenfiguren wertete Projektleiter Dr. Bastian Eclercy als „wahre Bilderbibel“ und als „Multimedia von 1400“.

Der Kontext der Entstehung, die Auftraggeberschaft, der Stil und die materielle Beschaffenheit zählten zu den Themen der Untersuchungen, die vom 7. bis 9. April in ein internationales Kolloquium im Landesmuseum Hannover münden. Dabei soll es zu einer systematischen Neubeurteilung des Altaraufsatzes kommen. Dendrochronologische Untersuchungen etwa erlauben eine präzisere zeitliche Einordnung, sie geben zugleich Auskunft über die Herkunft des Eichenholzes. Mit Mitteln der Infrarotreflektografie ließen sich Anhaltspunkte für die Tätigkeit zweier am Werk tätiger Maler finden. Röntgenuntersuchungen erlauben Einsichten zur Konstruktion der Bildträger sowie zur Schnitztechnik der Skulpturen.

Bei dem Kolloquium werden der (kunst-)historische Kontext und ikonographische Aspekte beleuchtet, ebenso Aufbau, Werktechnik, Restaurierungsgeschichte und vieles mehr. Die Referenten kommen u.a. vom Victoria and Albert Museum London, von der Columbia University New York, aus Brüssel und aus dem gesamten deutschen Raum.

Sprechen wird auch die Lüneburgerin Silvia Castro. Sie ist Leiterin der Abteilung „Konservierung und Res­tau­rierung“ an der Kunsthalle Hamburg und wird ein anderes Werk der Entstehungszeit vorstellen, den Thomasaltar von Meister Francke. Der aus Lüneburg stammende Hansjörg Rümelin wird „Neue Überlegungen zur Sakraltopographie von St. Michaelis“ anstellen. Das auch technisch ins Detail gehende Kolloquium ist öffentlich.

Im Zuge des Forschungsprojektes zeigte sich, dass neben Verschmutzungen auch fehlerhafte Restaurierungen im frühen 20. Jahrhundert und ein feuchter Auslagerungsort im Zweiten Weltkrieg das Retabel schädigten. Mit dem Kolloquium und einer entsprechenden Publikation ist darum die Maßnahme nicht beendet. Es startet ein Restaurierungsprojekt, mit dem die Goldene Tafel ihren ursprünglichen Glanz erhalten soll. Das Landesmuseum kann dabei auf Förderungen bauen, sucht aber zugleich Paten, die sich „an einer der derzeit umfangreichsten Restaurierungsmaßnahmen in der deutschen Museumlandschaft“ beteiligen. Sechs Restauratoren werden in einer „offenen Werkstatt“ arbeiten. Museumsbesucher können — aus gebotener Distanz — sehen, was vor Ort passiert.

Abgeschlossen sein soll die Restaurierung 2018 — zum 600. Geburtstag der Lüneburger Michaeliskirche. Was nicht bedeutet, dass die Goldene Tafel dann an ihren Heimatort zurückkehrt.