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Links: Der eifersüchtige Bajazzo Canio (Karl Schneider) knöpft sich Nedda (Franka Kraneis) vor. Rechts:  Alfio (Ulrich Kratz) sieht nicht, dass der rasende Turiddo (Schneider) die Klinge funkeln lässt. Fotos: tamme/theater
Links: Der eifersüchtige Bajazzo Canio (Karl Schneider) knöpft sich Nedda (Franka Kraneis) vor. Rechts: Alfio (Ulrich Kratz) sieht nicht, dass der rasende Turiddo (Schneider) die Klinge funkeln lässt. Fotos: tamme/theater

Premiere für das Opern-Doppel am Theater

ff Lüneburg. Mike Tyson biss Evander Holyfield bei einem Fight um die Weltmeisterschaft ins Ohr. Das war 1997 und markierte in seiner dumpfen Brutalität den Tiefpunkt des Boxsports. In Süditalien stellte der Biss in die feindliche Muschel, der Tradition gemäß, eine Aufforderung zum Duell dar. So jedenfalls ist es in Pietro Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ — „Sizilianische Bauernehre“ — zu erleben. Die Oper führt in eine bedrückend enge, arme, düstere Welt, ein kleines Dorf bildet den Schauplatz für großes Gefühlskino. Das gilt auch für Ruggero Leoncavallos „Der Bajazzo“ (Der Gaukler). Als Opern-Doppel sind die jeweils gut einstündigen Dramen nun im Theater Lüneburg zu erleben.

Die beiden Werke, in ihrer gesellschaftspolitisch ambitionierten Präzision dem Verismus angehörend, stehen sich nahe, weshalb sie heutzutage im Theaterbetrieb gern kombiniert werden: Es geht um Liebe, Eifersucht, Zurückweisung — und sie enden tödlich. Und: Sie wurden, fast parallel, für den gleichen Kompositionswettbewerb geschrieben. Mascagni zählte zu den drei Sigern, die „Cavalleria“ feierte 1890 in Rom Premiere. Ruggeros „Bajazzo“ wurde erst zwei Jahre später in Mailand uraufgeführt. Was immer auch die Jury damals zu ihrer Entscheidung geführt haben mag, heute faszinieren sie gleichermaßen durch Melodienreichtum und ihre emotionale Intensität. Natürlich bildet eine Oper in ihrer dramaturgischen Zuspitzung auf die Krisensituation auch nicht das reale Leben in seinen Schattierungen ab, dafür ist eher das Schaupiel da: Leise Zweifel, Flüstern, Raunen, Stolpern, Zögern — dieser Teil des menschlichen Verhaltensrepertoires fällt einfach aus. Hier wird gedroht und geliebt, geschwelgt und geschmettert.

Bühnen- und Kostümbildner Stefan Rieckhoff inszenierte einen reizvollen Gegensatz: Die Darsteller von Mascagni, fast durchweg gekleidet in den Modefarben Dunkelgrau und Schwarz, agieren im Schatten der Kirche. Eine riesige Mutter Maria, umkränzt von flackernden Totenlichtern, behält mit mildem Blick ihre Schäfchen unter Kontrolle. Der Fuhrmann Alfio wird allen Ernstes dafür beneidet, beruflich mit seiner Kutsche hier ab und zu herauszukommen. Bei Leoncavallo führt die (abschüssige, also das Leben an sich darstellende) Bühne in die Gegenwart: knallbunte Lichterketten und Luftballons, Jeans und Sommerkleider, hier soll eine fahrende Komödiantentruppe auftreten. Um das Zeitgenössische zu betonen, steht an einer abgerissenen Plakatwand sogar ein Geldautomat. Dabei sind die Kulissen-Bau-Elemente erkennbar die gleichen, sie haben nur neue Funktionen bekommen.

Und auch der Mensch ist der Gleiche geblieben — impulsiv, verletzlich, aggressiv und letztlich einsam. Nur steckt der von Eifersucht getriebene Mörder diesmal in einem Narrenkostüm. Der „Bajazzo“ ist vom Plot her allerdings deutlich reizvoller: Die Aufführung der Komödianten mischt sich mit dem wahren Leben — ein Vexierspiel. „Achtet nicht auf die Ausstattung, sondern auf die Seelen“, sagt ein Conferencier zu Beginn.

Dies alles wurde inspiriert, kompetent und kraftvoll umgesetzt — von den Lüneburger Symphonikern unter der Leitung von Thomas Dorsch, vom Intendanten Hajo Fouquet (Inszenierung), von den glutvollen Sänger(inne)n Franka Kraneis, Ilona Nymoen, Kirsten Patt, Karl Schneider, Ulrich Kratz, Christian Oldenburg und Timo Rößner, von Chören und Kindern. Und so empfiehlt sich das Opern-Doppel auch für Einsteiger, die nicht gleich mit einem Wagner anfangen wollen. Noch ein Plus: Es gibt für die italienischen Lieder eingeblendete deutsche Untertitel — irgendwie ist es ganz schön, auch mal genau zu wissen, wovon da gerade die Rede ist.