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Die Fotografin Claudia Heinermann hat die in Litauen lebenden, alt gewordenen  Wolfskinder porträtiert. Foto: t&w
Die Fotografin Claudia Heinermann hat die in Litauen lebenden, alt gewordenen Wolfskinder porträtiert. Foto: t&w

„Wolfskinder“, eine Ausstellung im Neubau des Ostpreußischen Landesmuseums

oc Lüneburg. Luise Quitsch ist eine zierliche Frau, 1940 geboren in Ostpreußen. Sie lebte nur wenige Jahre als Luise, aufgewachsen ist sie als Alfreda Kazukauskiene in Litauen. Luise Quitsch hatte im größten Unglück ihres Lebens eine rettende Portion Glück. Davon erzählte sie am Sonnabend im Ostpreußischen Landesmuseum, als eines von 10000 oder sogar 25000 Wolfs­kin­dern. Rund 60 von ihnen leben heute noch.

Wolfskinder, so wurden Kinder genannt, die in den Wirren der Flucht vor der Roten Armee und auch noch in den frühen Nachkriegsjahren getrennt von Eltern und Geschwistern durch Ostpreußen irrten. Viele flohen nach Litauen dort sei es besser, hofften sie. Sie hausten in den Wäldern, immer auf der Suche nach Essbarem, bettelnd, stehlend, arbeitend. Alles aber, was deutsch war, wurde in Zeiten der Sowjetisierung ausgemerzt, wie in einem Akt der Rache. Viele Wolfskinder starben an Hunger und Krankheit, manche wurden verschleppt, manche erschossen. Wer überlebte, bekam einen litauischen Namen, und viele der Wolfskinder sahen nie eine Schule.

Warum Luise Quitsch Glück hatte? Sie wurde von einem Paar, dessen Kinder groß waren, aus einem russischen Soldatenquartier gelockt und regelrecht adoptiert. Sie bekam eine gute Bildung, studierte, gründete eine Familie. Sie war noch ein junges, sich litauisch wähnendes Mädchen, als sie an einem Geschäft vorbeiging und ihr das Wort „Hampelmann“ einfiel. Das ist der Beginn ihres Erinnerns an die eigene Geschichte.

Offiziell wird dieses Erinnern erst möglich, als Litauen mit dem Zerfall der Sowjetunion ein eigener Staat wird. Die Wolfskinder beschäftigen seither Historiker, Politiker und Menschenzusammenbringer. Auf ihre Spur machte sich auch die Fotografin Claudia Heinermann, deren großes Thema die Folgen von Kriegen sind. Mit ihr reiste über drei Jahre immer wieder die Journalistin Sonya Winterberg. Sie suchten die heute hochbetagten, nach wie vor in Litauen lebenden Wolfs­kinder auf. Es entstand ein Buch und eine Ausstellung, auf den Weg gebracht vom Deutschen Kulturforum östliches Europa und vom Ostpreußischen Landesmusem.

Zu sehen sind bei der Premiere der Ausstellung Stelltafeln mit Zeitzeugenberichten, ein Film und Fotografien. Sie zeigen die Wälder, die Behausungen und vor allem die Menschen, aus deren Augen Entbehrung und Verlorenheit blicken. Es sind zugleich Aufnahmen, mit denen die in den Niederlanden lebende Fotografin den Menschen Würde zurückgibt. Daneben stehen Sätze, mit denen Frauen und Männer ihre Geschichte weitergeben. Viel zu spät begann die Welt, sich zu interessieren.

Luise Quitsch-Kazukauskiene fällt aus dem Rahmen. Da ist eine elegante Frau kennenzulernen. Sie lebt nach wie vor in Litauen, hat vier ihrer fünf Geschwister wiedergefunden und nutzt ihre Möglichkeiten. 1991 gründete sie den Verein Edelweiß, der sich um Zusammenführung kümmert und um Anerkennung der Schicksale. Die offizielle Politik hielt sich mit konkreter Hilfe zurück. Aber am Freitagabend hörte sie zu.

Mit der Eröffnung der Ausstellung nämlich wurde zugleich die neue Fläche für Sonderausstellungen eingeweiht, ein flexibel nutzbarer Raum, der auf rund 500 Quadratmeter erweitert werden kann, wenn der Gesamtbau fertig ist. Da aber wird der Kalender das Jahr 2017 zeigen.

„Die Ausstellung ist angesichts der Entwicklungen der jüngsten Zeit bedrückender Aktualität“, sagt Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert. Parallelen zu Geschichten, die aktuell durch die Medien gehen, drängen sich auf. Die Ausstellung „Wolfskinder. Verlassen zwischen Ostpreußen und Litauen“ läuft bis zum 29. Mai.