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Henning Voss ist der Steuermann, hier bei einer Arie von Anne Bierwirth. Foto: phs
Henning Voss ist der Steuermann, hier bei einer Arie von Anne Bierwirth. Foto: phs

Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion in der Michaeliskirche

oc Lüneburg. Mehr geht nicht. Aber mehr werden es ja auch nicht. Für einige der rund 180 Sängerinnen und Sänger, die sich dicht an dicht auf den Podesten in St. Michaelis aufreihen, ist es an diesem Abend ein letztes Mal. Die Kantorei von Henning Voss häutet sich ein wenig. Abschied ist schwer, mit der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach fällt er zudem schwergewichtig aus. Denn mehr geht ja nicht, mehr Musik nicht als diese drei gewaltigen Stunden, mehr Tiefe nicht. Und mehr Qualität ist auch kaum hineinzubringen, so ernst, so farbig, so kontrastreich, so eindringlich war diese Aufführung in der voll besetzten Kirche.

Was hätte Bach angesichts dieses Chores gesagt? Er hatte in der Regel wohl ein Dutzend Sänger zur Verfügung, vielleicht verdoppelte sich die Zahl für die doppelchörig konzipierte Matthäuspassion. Man weiß es nicht wirklich. Es gab anno 1727 offenbar keinerlei öffentliche Reaktion zur ersten Aufführung des Werks, das nicht gerade den Dienstvorschrift entsprach, derzufolge die Kirchenmusik „nicht zulang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit sie nicht opernhafftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere.“ Zudem war das Werk mit Bachs Tod 1750 schnell vergessen.

1829 hatte der 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy, dem schon 1823 Großmutter Babette Salomon eine Abschrift der Passion schenkte, wohl um die 150 Sänger zur Verfügung. Die Aufführung der gekürzten Fassung befeuerte eine Bach-Wiederendeckung. Seither setzte sich die Matthäuspassion langsam, aber sicher in Ohren und Herzen fe

180 Stimmen sind für einen Kirchenmusiker, der sich am Originalklang orientiert, eine brutale Herausforderung. Bei den großen Chorsätzen ist es denn auch schier unmöglich, die perfekte Balance zum mitredenden Orchester zu erzielen. Henning Voss sorgt für ein bestmögliches Ergebnis, aber er will die Kraft und Macht, die aus den Worten strömt, nicht verkleinern. Voss gestaltet das Drama, betont die Erregung, die blinde Wut der Volksmassen. Die nach innen gerichteten Choräle und Betrachtungen bekommen so noch einen Zugewinn an Wahrhaftigkeit. Die Kantorei und mit ihr Dörte Lorkowskis Jugendchor bilden bei all diesen Aufgaben eine mitreißende Einheit. Und fast immer sind dann doch die Flöten und Oboen, Celli und Geigen präsent, das bewährte Barockorchester LArco grundiert die Choräle, leuchtet die Arien aus.

Leidenschaft ist das Wort, mit dem Georg Poplutz als Evangelist durch den Abend führt. Er ist Moderator, Beobachter, im Inneren zutiefst Beteiligter. Ihm gelingt ein überzeugender Vortrag, er macht das bekannte Geschehen spannend. Dazu passen die schwarzen Bässe, machtvoll die Christusworte von Markus Flaig, ebenso die Partien wie die des Judas, den Sebastian Noack schon fiebrig wirken lässt. Viel Herzenswärme verströmt der in allen Lagen präsente Alt von Anne Bierwirth. Den ergreifendsten Moment an diesem Abend aber setzt Sopran Sabine Goetz mit der Arie „Aus Liebe“, schöner ist das nicht zu machen, und mehr an Brutalität geht auch nicht, wenn danach der Hass ausbricht.

Eines konnte Henning Voss bei aller bewundernswerter Leistung und umsichtiger Leitung denn doch nicht einkalkulieren: Nach drei Stunden endet die Passion, und in die Stille schlägt die Kirchenglocke. Mehr kann man nun wirklich nicht bekommen.

Neue Aufnahme und ein Theaterstück

Zur nicht gerade kurzen Liste von Einspielungen der Matthäupassion kommt eine unter der Leitung von Frieder Bernius hinzu. Der Leiter des Barockorchesters Stuttgart ist ein Klang-Entkerner und -Reduzierer. Er verfolgte schon den radikalen Ansatz, die chorischen Sängerpartien mit nur einer Stimme zu besetzen. Gut fürs Orchester, schlecht für das Kontrastieren, die Farbigkeit. In der neuen Aufnahme bilden 29 Sänger den Doppel-Chor, Bernius setzt beim Alt auch Countertenöre ein. Die kleineren Solo-Aufgaben werden vom Chor übernommen. Entstanden ist eine von der inneren Leuchtkraft her überzeugende, bei Carus erschienene Aufnahme, auf Basis einer Neu-Edition, die Bach-Spezialist Klaus Hofmann nach gründlichem Quellenstudium schuf.

Hamburgs Deichtorhallen bilden die Kulisse für eine mit Sicherheit verblüffende Fassung der Matthäuspassion. Aus dem Werk entwickelt der für kraftvolle Bildersprache stehende Romeo Castellucci ein Musiktheater. Die musikalische Leitung der hochkarätigen Produktion hat Hamburgs Opernchef Kent Nagano. Aufführungen: 21., 23., 24. April.