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Ein Mensch, fast wie eine Puppe und maskenhaft: Maike Jebens als Elisabeth, Königin von England. Foto: Theater/wege
Ein Mensch, fast wie eine Puppe und maskenhaft: Maike Jebens als Elisabeth, Königin von England. Foto: Theater/wege

Martin Pfaff inszeniert Friedrich Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“

oc Lüneburg. Es grummelt, es tropft, es zischelt, langsam öffnet sich eine Welt ohne Sonne. Mauern wie aus Granit formen grau in grau ein Labyrinth, das sich im Nirgendwo verliert. Nebel wabert durch diesen Ort, der Macht repräsentiert und Untergang. Farbe tragen hier nur die Königinnen, um die sich das nun anlaufende Drama rankt: „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller. Hehr sind die Worte, widrig die Gefühle. Martin Pfaff hat das Trauerspiel konsequent und unerbittlich auf die Bühne des Theaters Lüneburg gestellt. Drei Stunden läuft es, sie sind ungeheuer intensiv.

Ein beflecktes Kleid, rot wie das Blut und die Leidenschaft, trägt Maria Stuart, die Königin von Schottland, die Katholikin, die gefangen ist und vom Schafott bedroht. Gelb wie das Gleißen der Macht und der Neid leuchtet das Kleid von Elisabeth, der Königin von England, der Protestantin, die Maria in den Tod schicken wird. Schiller schrieb um die Regentinnen herum ein gewaltiges Stück über Macht, Kalkül und Religion, Intrige und Verrat, letztlich über Lebenskonzepte, Leidenschaft, Eifersucht und Neid. Das ist viel, und zugleich ist es erschreckend aktuell. Denn jede, jeder biegt sich die Wahrheit zurecht und erklärt sich das Geschehen so, wie es für den eigenen Vorteil passt. Lauter Populisten, kaum ein Zweifler. Politik, die wie Parolen verpufft. Es kann hier nur Verlierer geben, Schiller ist ein rigoroser Moralist.

Martin Pfaff hat für das Theater Lüneburg mehrfach große Stoffe effektvoll auf die Bühne gestellt, den „Schimmelreiter“ und „Faust I“. Pfaff, Oberspielleiter am Landestheater Detmold, findet auch für die „Stuart“ einen schlüssigen Zugriff, eng am Original. Er folgt — im sinnreichen Bühnen- und Kostümbild von Barbara Bloch — weitgehend dem Text, bricht ihn aber auf. Plötzlich nämlich richtet sich die Inszenierung direkt ans Publikum, mit einer gewaltigen Predigt, die von der Unerbittlichkeit des Glaubensgehorsams handelt und von drakonischen Strafen bei Abweichung. Fundamentalismus pur, die dunkel schillernden Worte stammen aus dem Alten Testament.

Es braucht Konzentration, sich in die Sprache Schillers hineinzuhören, aber von Minute zu Minute bannt das Drama stärker. Spannend und untergründig färbt dazu der fein abgestimmte Sound von Stefan Pinkernell den Text mit emotionaler Tiefe ein.

Pfaff arbeitet mit den Schauspielern sehr genau, entwickelt mit ihnen starke Profile. Beate Weidenhammer spielt leidenschaftlich und lauernd die Titelfigur, die Intellekt und auch Erotik einsetzt, um auszuloten, welche Macht sie noch hat. Es ist aber der Stolz, der Maria beim Zusammentreffen mit Elisabeth die letzte Chance raubt, und Weidenhammer zeigt eine schließlich aufrecht in den Tod gehende Regentin.

Elisabeth gilt als die Böse, wird aber bei Pfaff und durch die differenzierte Darstellung von Maike Jebens zu einer Frau, die mit sich hadert und ringt, die Prinzipien folgt, an die sie kaum mehr glaubt. Elisabeth hat sich um der Macht willen von ihren Emotionen abgeschnitten, aber die sind nicht zu töten. Ihre Hand zuckt im Begehren nach Berührung. Fesselnd sind die inneren Kämpfe, als sie allein zaudert, ob sie ihren Namen unter das Todesurteil setzen wird. Sie wird — und wird dann alle, die ihren Befehl ausführen, verdammen.

Um Maria und Elisabeth herum wogt ein Meer von Machtmenschen, denen nicht zu trauen ist — und die sich alle vom Acker machen oder von Elisabeth verstoßen werden. Wunderbar ist Philip Richert, der Großschatzmeister, arrogant, kalt und voller menschenverachtendem Spott. Gregor Müller zeigt den Grafen von Leicester als unzuverlässiges Blatt im Wind. Felix Breuel spielt mit jugendlichem Übereifer den Mortimer, der Maria retten will und sich selbt tötet, ähnlich wirbelt Martin Andreas Greifs Gesandter über die Bühne. Einen Gegenpol setzt der punktgenau agierende Matthias Herrmann als Shrewsbury, der deutlich ein Ende der Loyalität gegenüber Elisabeth setzt. Calvin-Noel Auer zeigt einen mit Skrupeln behafteten Staatssekretär. Martin Skoda als karger Maria-Bewacher und Britta Focht als Marias unverbrüchlich treue Amme runden ein Team ab, das diesen Klassiker mit Ernst und Qualität füllt. Lang anhaltender Beifall.