Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Blick ins Großaufgebot von Orchester und Chor, die das Oratorium über seine elf Szenen meisterten. Foto: phs
Blick ins Großaufgebot von Orchester und Chor, die das Oratorium über seine elf Szenen meisterten. Foto: phs

„Johanna auf dem Scheiterhaufen“ in der Johanniskirche

hjr Lüneburg. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs komponierte Arthur Honegger (1892-1955) das Oratorium „Johanna auf dem Scheiterhaufen“. Düsternis und Grauen deutet schon der Titel an. Exakt in diesem Tonfall beginnt das Stück: „Dunkel! Dunkel! Dunkel“ murmelt der Chor. Am Ende wandelt der Flammentod die irdischen Qualen in Erlösung. Dazwischen tost die Musik über weite Strecken, brennen sich die ergreifenden Texte von Paul Claudel ein. Ein bedeutendes Werk, oft szenisch an prominenten Bühnen realisiert. Für den opulent besetzten Apparat ist es eine herausfordernde Aufgabe. In der sehr gut besuchten Johanniskirche gelang der sorgfältig vorbereiten Kantorei, der von Christine Maiwald punktgenau präparierten Jugendkantorei, den famos aufgelegten Hamburger Symphonikern und einem stattlichen Solisten-Ensemble unter Leitung von Joachim Vogelsänger eine packende und elektrisierende Wiedergabe.

Mysterienspiel, antikes Drama, Groteske, Volkstümlichkeit und Musiktheater, das Oratorium reißt einen breiten Rahmen auf. Honegger und Claudel entwickelten die Arbeit im Auftrag von Ida Rubinstein, der berühmten Tanzkünstlerin. 1938 fand die Uraufführung statt: ein Erfolg, der sich rasch fortsetzte. Stationen einer persönlichen Passion werden erzählt, in Rückblenden und Allegorien, historisch Verbrieftem und Fiktion. Johanna, die von göttlichen Mächten gelenkte Jugendliche, will dem von England bedrängten Frankreich militärisch und politisch zum Sieg verhelfen. Das gelingt und führt doch zum Tod auf dem Scheiterhaufen, weil sie Neider und Gegner als Hexe und Ketzerin apostrophieren. Gewiss ist das keine messianische Heilsgeschichte, aber ein bis heute überhöhter und zum Mythos ausgewachsener Tatsachenbericht über eine ungewöhnliche, emanzipierte, 1920 heilig gesproche junge Frau aus dem späten Mittelalter.

Honegger schüttet ein Füllhorn unterschiedlichster Elemente aus, vom Antiphon über barocke Anklänge bis zu Folk und Jazz, manches erinnert an Ravel oder Orff. Äußerst geschickt formte der Komponist aus diesen Bestandteilen ein Partitur-Gewebe, schrammt manchmal den Kitsch, schwelgt in opernhafter Expressivität. Es jault zum Beispiel in der Gerichtsszene hündisch, meckert wie ein Schaf, dann wieder braust ein Dissonanzen-Gewitter. Die Hamburger Symphoniker folgten dem bewundernswert diszipliniert, achteten streng auf subtile Abstimmung und angemessene Dynamik, satte Farbgebung und feinste Tupfer. Joachim Vogelsänger zeigte sich als souveräner Sachwalter, koordinierte, forcierte und dimmte je nach dramaturgisch relevanter Lage. Mit klaren Zeichen befeuerte er das Oratorium, gab den elf Szenen eine Bildkraft, die den Spannungsbogen bis an die Grenze des Erträglichen ausreizte.

Die stets präsente, fantastisch disponierte Kantorei nahm die Impulse beherzt auf, demonstrierte Leidenschaft, die sich auch in makelloser Intonation und Textverständlichkeit reflektierte. Als Johanna glänzte Christina Weiser: Sie wanderte mit artistischer Bravour auf dem schmalen Grat zwischen hohlem Pathos und exaltierter Deklamation. Ohnmacht, Angst, Unverständnis, aber auch innere Stärke, bohrende Fragen und Unbeugsamkeit wurden deutlich. Jürgen Wink als Bruder Dominik lotete mit gleicher Intensität das Terrain aus. Die Sopranistinnen Cornelia Samuelis und Dorothee Wohlgemuth, Altistin Gabriele Betty Klein, Bariton Christfried Biebach und der kurzfristig eingesprungene Tenor Aram Mikaelyan gestalteten ihre Partien überzeugend, gaben dem Werk die gewünschte Mischung aus Anmut und Zynismus, Skurrilität und Würde. Harro Korn und Burkhard Schmeer erwiesen sich in den Sprecherrollen als wortgewaltige Schwergewichte, die Claudels Vorgaben zu plakativen Momentaufnahmen formulierten. Die Jugendkantorei bewältigte ihre Einsätze ebenfalls mit staunenswerter Akribie.

„Johanna auf dem Scheiterhaufen“ ist ein aufwühlendes, faszinierendes Oratorium. Nach dem letzten Ton lange Stille, dann zaghafter Beifall, der sich zum Orkan steigerte.