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Immanuel Kant, 1872 gemalt von Johannes Heideck. Foto: nh
Immanuel Kant, 1872 gemalt von Johannes Heideck. Foto: nh

Ein Haus für Immanuel Kant in Lüneburg

oc Lüneburg. Dass zwei Museen zu einem werden, das ist in Lüneburg nichts Neues. Dass es in kurzer Zeit gleich zweimal geschieht, das ist denn schon etwas Besonderes. Seit gut einem Jahr vereint das Museum Lüneburg die Sammlungen des früheren Fürstentum- und Naturmuseums. Jetzt passiert Ähnliches beim Ostpreußischen Landesmuseum: Wie berichtet übernimmt es die kompletten Bestände des Museums Stadt Königsberg, das Anfang des Jahres in Duisburg schloss. Kommende Woche, am 7. April, wird der Zusammenschluss besiegelt.

Die weltweit umfänglichste Sammlung zum Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) und bedeutende Werke der Künstlerin Käthe Kollwitz (1867-1945) finden damit eine neue Heimat. Das ist besonders in Sachen Kant hoch einzuschätzen. Zur Duisburger Kant-Sammlung zählen Originalschriften des Philosophen, Erstausgaben bedeutender Werke, aber auch Ölgemälde und Bronzestatuen bis hin zu einer Locke. Lüneburg wird „in den nächsten Jahren zur wichtigsten Stadt in Deutschland für die Präsentation des größten deutschen Philosophen der Aufklärung und eines der wichtigsten Vordenker der Moderne weltweit“, teilt Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert mit.

Grundsätzlich „fehlte“ dem Ostpreußischen Landesmuseum die Hauptstadt, da Königsberg-Themen über Jahrzehnte vornehmlich am Duisburger Museum andockten. Das von Lorenz Grimoni privat geführte Haus ließ sich aus Alters- und organisatorischen Gründen nun nicht mehr fortführen, sodass die Exponate künftig „wichtige Lücken in den Lüneburger Beständen“ schließen, wie das Landesmuseum erklärt.

Königsberg, wie die Stadt seit dem 13. Jahrhundert bis zur Umbenennung in Kaliningrad 1945 hieß, war für Jahrhunderte Hauptstadt und Kulturzentrum der Provinz Ostpreußen. Seine Universität bildete für Jahrhunderte den geistigen Mittelpunkt des protestantischen Preußens, galt als ein mathematisch-naturwissenschaftliches Zentrum. Königsberg war Krönungsort der preußischen Könige und ist mit großen Persönlichkeiten verbunden: Neben Immanuel Kant sind beispielhaft Hannah Arendt, Lovis Corinth, Simon Dach, Carl Goerdeler, Johann Gottsched, Johann Gottfried Herder, E.T.A. Hoffmann, Käthe Kollwitz, Veruschka von Lehndorff und viele anderen zu nennen.

Als der aktuell laufende Um- und Ausbau des Ostpreußischen Landesmuseums festgezurrt wurde, war die Sammlung aus Duisburg noch nicht einzuplanen. Nach dem Bau ist darum nun vor dem Bau. Bis zum Kant-Jubiläum 2024 soll ein „notwendiger Erweiterungsbau“ für die Königsberger Kantiana fertiggestellt sein.

Zu den Besonderheiten der Duisburger Sammlung zählt unter anderem eine Silbersäule mit Bernsteineinlagen aus dem Jahr 1879 mit einem Schätzwert von 30000 Euro. Dr. Mähnert weist auch auf Jugendstilmöbel mit Bernsteineinlagen hin, die 1889 bei der Weltausstellung in Paris gezeigt wurden. Spannend ist — wiederum in Sachen Kant — ein Ölporträt des Philosophen, das Gottlieb Doebler gemalt hat. Das Original gilt seit 1945 allerdings als verschollen, doch es gibt eine zweite Ausführung, die Doebler gemalt haben soll — Betonung auf „soll“.

Genaueres zum Vorgehen mitteilen wollen am Donnerstag, 7. April, um 17 Uhr Vertreter der Ostpreußischen Kulturstiftung und der Stiftung Königsberg im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Auch Oberbürgermeister Ulrich Mädge wird zur Kant-Werdung der Stadt Stellung beziehen. Noch lagert die insgesamt rund 5000 Positionen umfassende Königsberg-Sammlung in Duisburg. Aber wenn kommende Woche die Unterschriften zum Wechsel trocknen, kann die Reise losgehen.

Kant in Kürze

Der Königsberger Gelehrte Immanuel Kant (1724-1804), viertes Kind einer Handwerkerfamilie, zählt zu den bedeutendsten Vertretern der europäischen Aufklärung und der neuzeitlichen Philosophie. Er stellte die Vernunft in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und wandte sich damit gegen die Bevormundung durch Staat und Religion.

Kant begann als 16-Jähriger das Studium an der Königsberger Albertus-Universität. Seine Fächer waren Philosophie, klassische Naturwissenschaften, Physik und Mathematik.

1755 habilitierte er mit dem Thema „Die ersten Grundsätze der metaphysischen Erkenntnis“. Lange wirkte er als Privatdozent, erst 1770 erhielt er die Stelle des Professors für Logik und Metaphysik in seiner Heimatstadt und dissertierte ein weiteres Mal mit der Studie „Formen und Gründe der Sinnes- und Verstandeswelt“. Königsberg verließ er nie, 1786/88 wurde er Rektor der Universität. In den letzten 15 Lebensjahren geriet Kant in Konflikt mit der preußischen Zensurbehörde, da seine Lehren als nicht mit der Bibel vereinbar galten.

Sein Werk „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie. Nicht nur in der Erkenntnistheorie, sondern auch in Fragen von Ethik und Ästhetik sowie mit Schriften zur Religions-, Rechts- und Geschichtsphilosophie schuf Kant eine neue, umfassende Perspektive in der Philosophie, welche die Diskussion bis ins 21. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst.

Kant, der nie verheiratet war, galt als guter Karten- und Billardspieler, als sehr gesellig und modebewusst. Er genoss große Gesellschaften, pflegte einen trockenen Humor — und absolvierte täglich zur gleichen Zeit einen Spaziergang.