Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Claudia Rietschel und Marco Dalia in The All Full Of Nothing, dem ersten Stück des Tanzabends. Foto: theater/tamme
Claudia Rietschel und Marco Dalia in The All Full Of Nothing, dem ersten Stück des Tanzabends. Foto: theater/tamme

Premiere von gleich neun Choreographien im T.3

oc Lüneburg. Was bleibt, ist der 27. April. Da hatte die Kasse des Theaters am Sonnabend noch Karten für den Abend des Balletts, an dem jede/r tanzt, was er bzw. sie will. Einmal im Jahr setzt das Team von Olaf Schmidt nicht um, was der Chef will, sondern eigene Ideen. Und weil der Tanz am Theater so populär, weil gut ist, leuchtet das „Ausverkauft“-Zeichen für „Kunst ver-rückt Tanz“ schon vor der Premiere.

Ein paar Requisiten, ein bisschen Kostüm, Licht und Musik tragen die Stücke mit. Neun Choreographien sind in rund zwei Stunden zu sehen — berührend, witzig, atemraubend, auch rätselhaft und überladen, aber selbst dann noch fesselnd.

Alle Neune im Schnelldurchlauf:

„The All Full Of Nothing“ nennt Marco Dalia ein Stück über das ewige Annehmen und Abstoßen, Begehren und Besitzen und darüber, wie jeder eine Situation definiert: Ist es gut, ist es schlecht? Mit Claudia Rietschel entwickelt Dalia dichte Bewegungsbilder aus Nähe und Distanz.

Mara Sauskat wendet das Innerste nach außen. „In Gefangenschaft“ heißt (übersetzt) ihr extrem persönlich wirkendes Solo über den Kampf, sich selbst anzunehmen und die Gefahr, an sich selbst irre zu werden. Ein Drehen und Winden, Verrenken und Aus-der-Haut-fahren strudelt zu Klängen von Einaudi, die sich wie Minimal-Music voranbohren. Es endet in ziemlicher Verzweiflung, nimmt Tänzerin wie Zuschauer mit.

Einen Gegenpol mit japanischer Tradition setzt „Sakura“, das ist die japanische Kirschblüte, ein Symbol für das Schöne, das Werden und Vergehen. Harumi Washiyama führt einen eleganten, ruhigen Reigen formeller Bewegung vor.

Dann mutiert Matthew Sly zum lebenden Lexikon des klassischen Balletts. Sein „Dornknackersee“ kondensiert mehr als neun Stunden Tschaikowsky-Ballett auf 19 Minuten. Damit ist schlichtweg alles getanzt zum Thema. Artistik, Humor und Kondition beweist Sly in dem rasanten Stück mit Spitzentanz-Anflügen, der Erfindung des solistischen Pas de deus, fliegendem Kostümwechsel und von Beate Weidenhammer eingesprochenen Erläuterungen. Wenn das die Russen als Gralshüter des Klassischen sehen, packen sie ein!

Was kann danach noch kommen? Der maximale Kontrast! Harte Beats, knackiger Rap — und Giselle Poncet gelingt es, zu „Turn Down For What“ klassisch zu steppen. „IdTap That“ — das passt tatsächlich.

Pause.

Manche packen sehr viel hinein. Anibal dos Santos lässt in „Fat(a)e“ die Moiren raunen, die Schicksalsgötinnen. Dazu beginnt ein magisches Ritual: Santos, Rietschel und Sauskat beschwören in Kutten gehüllt Mystisches. Das ist mit der Kugel aus Licht bilderstark, entwickelt sich streckenweise akrobatisch und stürzt Betrachter in ein Meer aus Assoziationen.

Ein Stück vollendeter Hingabe in einem ruhigen Fluss des Schwebens lassen Júlia Cortés und Francesc Fernández Marsal in „Endless Fall“ folgen. Tanz und Akrobatik mischen sich in diesem Beitrag, der an Intensität, Harmonie und Schönheit kaum zu toppen ist.

Mindestens in Sachen Intensität aber kann Claudia Rietschels „Poesie“ mithalten. Sie setzt Verse von Mörike („Verborgenheit“) in Gebärdensprache und Tanz um. Musik von Grieg begleitet das Solo, in dem Rietschel ihre Ausdruckskraft mit sicherem Gespür für Zeit und Wirkung einsetzt, fern von überdeutlichen Effekten.

Dagegen kommt das Finale „End_Line“ von Anibal dos Santos (mit Cortés, Marsal und schließlich allen) recht fett daher. Es ist so eine „Der Morgen danach“-Stimmung, wenn sich die Nacht ausgejazzt hat. In einem Bett erwacht ein Paar und wirkt komplett ernüchtert, fröstelnd geradezu. Und dann liegt da ein Mann mit Strick um den Hals neben einem gekippten Stuhl. Er röchelt, hustet, der Suizid hat nicht geklappt. Es entwickeln sich körperlich intensive Szenen, die vom Kampf um Anerkennung handeln, aber auch vom schweigenden Beobachten und vom Scheitern eines Zusammenseins. Am Ende folgt ein Appell zum Hinsehen ans Publikum.

Der Abend engagierter, mitreißender Tanzkunst mündet in Begeisterung.h