Donnerstag , 8. Dezember 2016
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Konzert mit Andreas Kümmert im Salon Hansen
Andreas Kümmert - einfach zu gut für den Eurovision Song Contest. Foto: phs
Andreas Kümmert - einfach zu gut für den Eurovision Song Contest. Foto: phs

Konzert mit Andreas Kümmert im Salon Hansen

hjr Lüneburg. Sein erster nachhaltig wirksamer Impuls war die väterliche Plattensammlung. Daraus erwuchs eine Leidenschaft, die Begeisterung für Schlagzeug und Gitarre, Punk und Rock. Nun wird er bald 30, tourt mit dem kongenialen Keyboard-Partner Sebastian Bach durch die Republik, schreibt fleißig eigene Stücke, beeindruckt durch seine voluminöse Stimme. Die führte ihn vor einem Jahr auf das Siegerpodest der nationalen Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest.

Doch Andreas Kümmert bekam Panik, gab den Preis sofort an die Zweitplatzierte weiter. Akute Angststörungen plagen ihn gelegentlich und der Stress mit dem kontinentalen Show-Event erschien im schlicht zu heftig. „Das Schöne ist die Nähe, das Schlimme ist die Nähe“, sagte der Musiker in einem Interview. Ein Dilemma, mit dem es manchmal schwierig wird. Diese Sensibilität strahlt der Mann aus, in seinen Balladen, auf der Bühne. Im ausverkauften Salon Hansen faszinierte er das Lüneburger Publikum.

Andreas Kümmert schätzt das Authentische, den Hinweis auf das Persönliche, ein Anspruch auf Wahrhaftigkeit lässt sich daraus ableiten. Musikalisch bewegt er sich zwischen Blues und RocknRoll, die eigenen Texte wirken poetisch, manchmal etwas rauh und immer sehr direkt. Er sucht nicht den Effekt, die schnelle Vermarktung, den billigen Erfolg und schafft dennoch den Sprung in die Charts, zum Beispiel mit „Simple Man“ oder mit dem Album „Here I am“ und gewinnt mit seiner umwerfenden Stimme gar eine Castingshow mit ihrem ziemlich gnadenlosen Regelwerk. Die Widersprüche, Risse zwischen knallhartem Geschäft im Glitzerlicht und individueller Unsicherheit, kompensiert er irgendwie und meistens virtuos. Gerade das Unperfekte im Auftreten bei gleichzeitiger Professionalität seiner Songs machen ihnen höchst sympathisch.

„Das zweite Stück ist ungefähr so langweilig wie das erste“, prophezeit der Sänger und kokettiert mit dem Understatement. Wer so talentiert ist, darf das. Er liebt diese Zurücknahme, das Spiel mit dem Unprätentiösen. Die Stimme beweist das Gegenteil: Kraft und brennendes Gefühl, sie stemmt sich in staunenswerte Höhen, schmeichelt und dampft vor Energie. Unverwechselbar singt er mit seinem markanten Timbre, manchmal leise und dann wieder Fortissimo. Kümmert geht gern auf Tuchfühlung mit dem Blues, tangiert mit Vergnügen den Soul, bevorzugt in slow motion. Die Seele legt sich frei, Melancholie schleicht sich ein, und doch dominiert knisternde Stärke. Der blanke Abgrund schimmert ab und zu aus den Zeilen, kontrastiert vom trotzigen Aufbegehren der Musik.

Selbstzweifel, Distanz zum schönen Schein, Fragen reflektieren sich in den Songs, von denen ungefähr drei Viertel aus eigener Feder stammen. „Rocket Man“, „Home is in My Hands“, „Avalanche“ oder „To Love Somebody“ sind die Titel seiner anrührenden Spaziergänge durch biografische Stationen. Auch die frisch polierten Cover-Versionen weisen auf individuelle Erfahrungen hin. Darauf legt Andreas Kümmert viel Wert. „Leben — welch ein tolles wort. so schaumts aus meinem geist“ schreibt er in seiner anspruchsvollen Lyrik. Zeilen, die wie ein roter Faden ebenfalls seine Lieder prägen: Hier denkt einer nach und buhlt nicht im schrillen Ton um Anerkennung, wunderbar und selten zugleich. Ein solcher Künstler ist für den Eurovision Song Contest eine Nummer zu groß. Das Publikum warf sich in die Musik.