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Kapitän Jürgen Schwandt ist ein Freund klarer Worte, Rassismus tritt der 79-Jährige entgegen. Jetzt erscheint im Ankerherz-Verlag seine Biografie. Der Verlag ist in Lüneburg gegründet worden. Foto: Ankerherz
Kapitän Jürgen Schwandt ist ein Freund klarer Worte, Rassismus tritt der 79-Jährige entgegen. Jetzt erscheint im Ankerherz-Verlag seine Biografie. Der Verlag ist in Lüneburg gegründet worden. Foto: Ankerherz

Jürgen Schwandt hält Kurs. In jeder Lage.

ca Lüneburg. Käpt‘n Schwandt hält Kurs. Auch in Blankenese. Da, wo Hamburgs Reiche zu Hause sind. Die finden zwar, dass man Flüchtlingen helfen sollte. Aber doch bitteschön nicht bei ihnen. „Weil eine Mini-Unterkunft für Kriegsflüchtlinge aus Syrien gebaut werden soll, drehen einige feine Herrschaften durch“, sagt der Kerl mit der Reibeisenstimme. „Es ist nichts anderes als der Spuk von Clausnitz oder Freital. Kommt nur vornehmer daher.“ Und das ist nix für Schwandt: „Ich habe eine klare Stimme, die setze ich ein.“

Und die wird auch gehört. Der Senior schreibt regelmäßig eine Kolumne in der Hamburger Morgenpost. Im Ankerherz-Verlag, einst in Lüneburg gegründet, erscheint jetzt seine Biografie. Der Verlag, das ist schon so etwas wie eine Liebe des 79-Jährigen. Verlagschef und Autor Stefan Krücken hat als Journalist eine Reihe über Kapitäne geschrieben, weil er ein Buch daraus machen wollte. Als kein Verleger das so herausbringen wollte, wie er es sich vorstellte, hat Krücken mit seiner Frau Julia eine eigene Firma gegründet. Das Haus an der Witzendorfstraße wurde zu klein dafür, die Familie zog nach Hollenstedt.

Der Kontakt zu Schwandt ist eng. Der Seebär und Ankerherz – eine Einheit: Der Alte findet richtig gut, was der Junge macht. Ehrensache, ihn zu unterstützen. Und der Junge mag den Alten, der Kante zeigt. Ankerherz hat ihn bei Facebook zur Kultfigur gemacht, 53 000 Freunde. Freunde, ein Wort, über das Schwandt lacht. Die mögen ihn, das reicht.

Schwandt ist ein Hamburger Jung, mit 16 Jahren heuert er auf einem Segelschiff an. Nach dem Krieg haben die Engländer den besiegten Deutschen nur alte Pötte gelassen. Zwölf Stunden arbeiten war regulär, meist wurden es jeden Tag ein paar mehr. Mittags nur Suppe. „Unser Spruch war: Warm und reichlich, die Heizer trinken es gern.“ Schwandt beißt sich durch. Viereinhalb Jahre vor dem Mast. Seefahrtschule. Mit 31 Kapitän auf großer Fahrt.

Mit einem Frachtschiff über die Meere, zwölf Passagiere zusätzlich an Bord. Auswanderer, die aus Europa wegwollen, um anderswo ihr Glück zu machen. Abenteuer gehören dazu. 1956 überollt ihren Dampfer im Nordatlantik eine Monsterwelle. Hart wie Beton zerschlägt das Wasser die Brücke und das Ruderhaus, die Rettungsboote wären sofort untergegangen, wenn man sie denn hätte zu Wasser lassen können. Stunden um Stunden reißt der Sturm an ihrem Frachter. Sie haben Glück, ein Kriegsschiff und dann ein Tanker geben Schutz. Es geht nach Lissabon: „Da haben wir eine Überlebensparty gefeiert. Von Freitag bis Montag haben wir uns ein Bordell gemietet.“

1967/68 verabschiedet sich Schwandt von der See, zumindest ein bisschen. Er wird später Leiter des Zoll-Kommissariats im Hamburger Hafen. Als maritimer Botschafter ist er nun unterwegs. Mit Verlagschef Krücken geht er auf Binnenfahrt – Lesereisen. Und über die Morgenpost und die Ankerherz-Facebook-Seite ist er eine Kultfigur geworden. Er tritt ein für die Würde des Menschen, jedes Menschen, egal, woher er kommt. Engstirnige finden das so ungeheuerlich, dass sie einen Mann von 79 Jahren bedrohen. Deshalb behält er lieber für sich, wo er zu Hause ist.

Zum Schluss sagt er eine Selbstverständlichkeit, die heute als etwas Besonderes erscheint: „Ich habe nach dem Krieg als Seemann gehört, alle Deutschen sind Nazis und Kriegsverbrecher. Das war genauso idiotisch wie heute zu sagen, alle Moslems sind Terroristen, oder alle Flüchtlinge sind Vergewaltiger.“ Es gebe überall Nette und Idioten. (Stefan Krücken: „Das aufregende Leben von Kapitän Jürgen Schwandt“, Ankerherz, 200 S., 29,90 Euro)