Aktuell
Home | Kultur Lokal | Kloster Lüne: auf dem Weg zu Luther
Äbtissin Reinhild von der Goltz  in der Bibel-Ausstellung, die nicht nur Fachleute anspricht. Foto: t&w
Äbtissin Reinhild von der Goltz in der Bibel-Ausstellung, die nicht nur Fachleute anspricht. Foto: t&w

Kloster Lüne: auf dem Weg zu Luther

oc Lüneburg. Man muss nicht wissen, worin die Besonderheit der Halberstadter und die der Kölner Bibel besteht. Man muss sich auch nicht mit dem apokryphen Nikodemus­evangelium auskennen, um sich von dieser Ausstellung einfangen zu lassen. Im Kloster Lüne, wo die Zeit ohnehin ruhiger läuft, wird jetzt ein Blick in historisch bedeutsame Bibeln gewährt. Sie faszinieren mit ihrem Schmuck und ihrem Druck jeden, der auch nur etwas Sinn fürs Bibliophile hat. Die Ausstellung mit Schätzen aus der Ratsbücherei und aus einer Lüneburger Privatsammlung besitzt zugleich inhaltliches Gewicht, sie zeigt „Vorreformatorische deutschsprachige Bibeln“.
Der Ort der Ausstellung ist ideal. Das Teppichmuseum mit seinen mittelalterlichen Altardecken und Banklaken bietet räumlich, klimatisch und auch vom Licht her ideale Voaussetzungen für die großformatigen und hochempfindlichen Buchschätze, die durchweg Weltrang besitzen. Ideal ist auch der Zeitpunkt. 2017 wird zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation eine Flut von Veranstaltungen über Luthers Welt hereinbrechen. Diese Ausstellung kommt dem zuvor und geht dabei einen Schritt zurück. „Das Thema macht sonst keiner“, sagt der Lüneburger Bibel-Experte Dr. Wolfgang Schellmann. Die ausgewählten Bibeln nämlich zeigen, von welchem geistigen und geistlichen Fundament Martin Luther ausging.

„Wir wollen darstellen, dass es schon vor Luther erstaunlich viele deutschsprachige Bibeln gab, und wir wollen erklären, warum Luther mit seiner Übersetzung so sehr Furore machte“, sagt Dr. Schellmann. Zu sehen ist die Kölner Bibel aus dem Jahr 1478, die erste gedruckte Bibel in niederdeutscher Sprache, deren Text durchgängig illustriert ist. Die Halberstadter Bibel von 1522, eines von weltweit sieben erhaltenen Exemplaren, ist die letzte, die vor Luther erschien.

Bibeln waren Bücher für jeden Zweck. Es gab Miniformate für Reisende und auf der anderen die repäsentativen, extrem aufwendig illustrierten und gestalteten Ausgaben. An einzelnen Details ist zu sehen, dass sich die Bibeln keineswegs nur keusch und fromm präsentierten. Manche enthalten tagespolitische, polemische Illustrationen, und manche sind sogar erotisch aufgeladen.

Größerer Erfolg beim ja nur zu kleinem Teil lesekundigem Volk war den deutschsprachigen Bibeln vor Luther nicht beschieden. Sie waren Wort für Wort übersetzt, die Sprache holprig, sie folgte dem lateinischen Satzbau. „Man versteht sie eigentlich nur, wenn man Latein kann“, sagt Dr. Schellmann. Luther dagegen nutzt die Sprache des Volks und weiß um ihre propagandistische Kraft. Er findet knappe, bildhafte und einprägsame Begriffe und Sprachbilder, bringt den biblischen Text in einen Rhythmus, der den Leser und den Zuhörer in den Bann zieht. Die Ausstellung endet mit der „Lutherbibel in ihrer endgültigen Form“, 1547 von Hans Lufft in Wittenberg gedruckt.
Zu den Schätzen aus der Ratsbücherei zählt auch das erwähnte, niederdeutsch verfasste apokryphe Nikodemusevangelium, das aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt und einst dem Kloster Michaelis gehörte. Außerdem wird ein Ablassbrief aus dem Jahr 1337 gezeigt. Er befand sich seit 1945 in Schwerin und kam unverhofft als Briefsendung zurück, nun ist er restauriert.

Die auf sechs Vitrinen verteilte Ausstellung ist klein, aber eben extrem fein. Sie habe internationalen Rang, sagt Dr. Thomas Lux von der Ratsbücherei. Eine solche Qualität könnten selbst große Bibliotheken kaum zeigen, bekräftigt Dr. Schellmann. Das sei schon einmalig, bringt es Äbtissin Reinhild von der Goltz auf den Punkt.
Eingebunden ist die Ausstellung in die Reihe „mahl anders“, mit der 14 Klöster bzw. Stifte Angebote auf dem Weg zur 500-jährigen Reformation machen. Konzerte und Vorträge begleiten die Ausstellung, so wird Dr. Lux am 23. September über Lüneburger Ablassbriefe und „Geschäfte mit dem Fegefeuer“ referieren.

Der Haken an der Ausstellung: Sie ist nur im Rahmen einer regulären (Kloster-)Führung zu besichtigen, allerdings auch auf direkte Anmeldung hin. Zu jedem der Bibelschätze gibt es vor Ort knappe schriftliche Hinweise. Inwieweit Dr. Lux und/oder Dr. Schellmann Führungen anbieten, ist offen. Aber sie lassen sich wohl überreden…