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Über Jahrzehnte kritisierte Gerhard Stadelmaier, vor allem in der FAZ, das Geschehen auf deutschsprachigen Bühnen. Jetzt ist Bilanzzeit. Foto: t&w
Über Jahrzehnte kritisierte Gerhard Stadelmaier, vor allem in der FAZ, das Geschehen auf deutschsprachigen Bühnen. Jetzt ist Bilanzzeit. Foto: t&w

Der Kritiker Gerhard Stadelmaier stellt im Heine-Haus sein „Regisseurstheater“ vor

oc Lüneburg. Jeder Beruf bietet eine Komfortzone. Sie garantiert Sicherheitsabstand. Für Gerhard Stadelmaier beginnt sie „Parkett, Reihe 6, Mitte“, wie er eines seiner Bücher betitelt, und führt vom Parkett hinter die Schreibmaschine. Von dort aus behackte Stadelmaier als einer der Letzten seiner Art das Theater deutschsprachiger Lande, er hob es manchmal in den Himmel, wünschte es häufiger in die Hölle. An diesem Abend im Heinrich-Heine-Haus verschanzt sich der langjährige FAZ-Feuilletonist hinter seinem neuen Buch „Regisseurstheater“. Fragen beantwortete er mit Lesungen.

Seit 1978 arbeitet der heute 65-Jährige als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker, von 1989 bis 2015 als erster Mann fürs Theater bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Kaum einer verkörpert das Feuilleton so sehr wie er, der sich eingangs seines neuen Buchs abgrenzt von denen, die „wie gebannt auf die kleinen, glasummantelten, handschweißverschmierten viereckigen Geräte starren“ und die sich „in die gleichen grobstoffigen, vernieteten Hosen zwängen“. . . Stadelmaier schreibt gegen alles an, was er als Zeitgeist deklariert und vor allem gegen dessen Destillat auf der Bühne.

„Regisseurstheater“ erschien bei zu Klampen als Teil der Essayreihe, die Anne Hamilton herausgibt. Die Literarische Gesellschaft, zu deren Vorstand Anne Hamilton gehört, lud Stadelmaier zur Lesung. Kompetenter als die Buchbegleiterin hatte die Moderation nicht sein können, aber sie kam nach der Begrüßung durch Hannelore Crome kaum zum Zuge. Stadelmaier ignorierte jeden Versuch, in ein Gespräch zu kommen. Vielleicht aber war das auch eine Inszenierung, die Fragestellerin zur Stichwortgeberin zu degradieren.

Stadelmaier lädt in seinem Buch zu weiten, sich differenzierenden Gedankenflügen eines Belesenen ein. Er fliegt hoch und lässt tief stürzen, denn sein Befund des Patienten Theater ist düster. Dort, wo Stadelmaier auf das Theater der Gegenwart zu sprechen kommt, nähert er sich mit aller Sprachmacht und Bildhaftigkeit an die Drastik an, die ihn so befremdet. Stadelmaier grenzt in seinem Buch das Regietheater ab vom Regisseurstheater. Letzteres ist seine Wortfindung, um ein Bühnengeschehen zu brandmarken, bei dem es ausschließlich um die Befindlichkeit, die Macken, Launen, Weltanschauungen und Sonderbarkeiten des Regisseurs geht. Dem Autor gelingt hier ein vergnüglich zu lesendes, leidenschaftliches Plädoyer gegen Beliebigkeit und intellektuell verbrämten Banalitätenzauber. Stadelmaier will aber mehr als eine Diagnose stellen. Er greift an.

Bei der Attacke bleibt in der Regel kein Raum fürs Differenzieren, Stadelmaier identifiziert Schuldige. Als Pestbeule bezeichnet er das Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, an dem Dozenten um Heiner Goebbels den Theaterbegriff weiten und befragen. Und das Dilemma der Verlotterung auf der Bühne macht Stadelmaier lustvoll am Regisseur Frank Castorf fest bzw. an dem Fall der DDR. Stadelmaier zeigt, wie sich Castorfs Zertrümmerungstheater der Wendezeit vom verständlichen Akt der Provokation zur angenehm alimentierten Routine gewandelt hat. Ähnlich drischt Stadelmaier auf alle Versuche von Theatern ein, sich der Welt da draußen mit Projekten zu nähern und damit die Komfortzone zu verlassen.

Stadelmaier, der im kurzen, nicht vorgetragenen Kapitel „Wunder aber gibt es immer wieder“ lichte Momente im Dunkel anreißt, hat ein persönliches, unbedingt debattierenswertes Buch verfasst. Schade nur, dass der Autor zumindest an diesem Abend die Debatte nicht duldete.

2 Kommentare

  1. Dass Stadelmaier „die Debatte nicht duldete“, kann kaum verwundern: Das würde ja bedeuten, dass es noch andere legitime Äußerungen gibt neben den apodiktischen Geschmacks-Erlässen seiner ehemaligen Majestät.
    Lasst den alten Herrn weiter in seinem eigenen Büchlein lesen, das macht ihn froh.
    Und denkt an das alte Sprichwort „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“.

  2. Heidrun Tomalla

    Dieter, Sie führen aber eine scharfe Klinge! Was sind denn Geschmacks-Erlässe? Ist das sowas Ähnliches wie Gedankenblasse, Blasiertengelässe und Konfirmandenbettgenasse? Durch diese hohle Gässe muss er kommen — der Garherd Städelmaier-Kenner? Ihr Anschlusssatz leidet an apoplektischem Dysgrammatismus. Haben Sie schon einmal über die möglichen Positionen des finiten Verbs nachgedacht? Das Tempus des kontrafaktischen Irrealis ist inkorrekt und sicher nicht „das“, sondern „das Gegenteil“ hätte bedeutet … etc. Sodann geht es nicht um die Dekrete von Stadelmaiers „ehemaliger Majestät“. Allenfalls doch wohl um die „der“ ehemaligen Majestät Stadelmaier? „Alter“ Herr? „Altes“ Sprichwort? Herr Stadelmaier ist 65. Aus welchem Jahrhundert stammt das kurdische Sprichwort? Was wollten Sie mit der Wiederholung sagen? Was könnte Stadelmaier wohl antworten? Tavşan dağa küsmüş, dağın haberi olmamış?