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Mara Sauskat und  in seiner letzten großen Premiere  Matthew Sly, Szene aus La lumière de lombre. Foto: theater/tamme
Mara Sauskat und in seiner letzten großen Premiere Matthew Sly, Szene aus La lumière de lombre. Foto: theater/tamme

Neuer Tanzabend des Theaters Lüneburg

oc Lüneburg. Gabriel ist der Bote, Michael der Sieger, Uriel der Beschützer. Es gibt im Islam auch Azrael, den Engel des Todes, und manchmal ergeht es selbst himmlischen Heerscharen schlecht: Luzifer, die Lichtgestalt, stürzt in die Hölle. Breughel hat’s gemalt und nicht nur er. Engel jedenfalls sind immer und überall, sprich: Sie sind dort, wo Frau und Mann sie platzieren. Dorthin, wo das, was wir sehen und wissen, übergeht in das, was wir ahnen und glauben, dorthin führt der neue Ballettabend des Theaters Lüneburg. Drei Kapitel, zwei Choreographen, zehn Tänzer, ein volles Haus und zur Premiere Beifall in Fülle: „Flügelschlag — von Schatten und Engeln“.

Der Tanz ist eine optimale Kunst, um in diese Zwischenwelt von Realität und Vorstellung vorzustoßen. Verbunden mit suggestiver Musik, mit diffusem und auch mal strahlendem Licht, führt der Tanz mit der Offenheit seiner Sprache in Räume für Empfindungen, Assoziationen und Gedanken. Dort also ist dieser Abend angesiedelt, und er beginnt mit „La lumière de lombre“, also mit dem Licht der Schatten, was schon vom Titel her etwas Unmögliches möglich machen will.

In neun ineinandergleitende Teile setzt Orkan Dann seine Choreographie. Dann ist ein junger Choreograph, der seinen Weg als Tänzer und Choreograph bei John Neumeier begann, den Rolf-Mares-Preis erhielt und heute frei arbeitet. Im „Licht der Schatten“ forscht Orkan Dann Reiz und Reaktion nach, Antrieb und Trägheit. In einem wiederkehrenden Bild ahmen die Tänzer das Kugelstoßpendel nach, auch Newtons Wiege genannt. Sie sitzen in Reihe, ein Kick von außen bringt das andere Ende in Bewegung, alle anderen verharren. Was also löst Bewegung aus, wie ist Balance zu halten, äußere und innere? Zugleich entwickelt Dann ein Spiel mit der Gleichzeitigkeit, mit dem Licht, mit dem Schwarz und dem Weiß und mit einer Musik, die mal treibt und bohrt, dann wieder sich der Innerlichkeit nähert — sie kommt von Philip Glass und von Ólafur Arnalds. Dann und Ensemble stellen ein Stück Tanz auf die Bühne, das als abstrakte Poesie funktioniert und wie ein gutes Gedicht durch mehrmaliges Studieren durch Ebenen des Verstehens führen dürfte.

Was für ein Kontrast nach der Pause mit „Cantus“ von Lüneburgs Ballettchef Olaf Schmidt! Ins Schwarze hinein wird ein Brief gelesen, er kommt aus dem Höllensturz namens Stalingrad. Da schreibt ein junger deutscher Soldat an seine Eltern, er gibt sich alle Mühe, im Horror des Schützengrabens Zuversicht zu wahren und auszustrahlen, und doch dringt eine tiefe Verzweiflung hindurch. Dann tanzen feldgrau gekleidete Schatten und Menschen, sie ringen um Haltung und Bestehen. Dazu läuft Arvo Pärts glockenschlagdurchsetzter „Cantus“, der von der Stille in die Stille führt. Am Ende fällt das große weiße Tuch, das den Hintergrund der Bühne bildet (Bühne: Barbara Bloch, Kostüme: Frauke Ollmann). Es steckt viel Pathos in dieser Choreographie, aber es kommt auf eine trockene, kitschferne und darum ergreifende Weise herüber.

Dann sind sie ganz direkt da, die Engel, und begegnen ebenso direkt den Menschen. Heiter und ironisch beginnt Olaf Schmidt den finalen „Flügelschlag“. Zu brausendem Vivaldi-Allegro federn, trippeln und tänzeln die weißen Lichtwesen. Weil alle Engel aber in der Vorstellung der Menschen leben, kommt es schnell zu Vermischungen und Verwirrungen. Was kann ein Engel machen, wenn sich ein Paar hasst und Gewalt antut? Was läuft schief bei einem Paar, wenn einer den Tod in sich zu spüren scheint? Wie im Himmel so auf Erden gibt es Streit und Versöhnung. Olaf Schmidt schafft einen Bilderreigen von Gruppe, Duo und Solo, von Action, Drama und Nachdenklichkeit — und dahinein mündet das zum Ende abdimmende Geschehen.

„Der Star ist das Ensemble“, sagt Olaf Schmidt nach der Premiere. Stimmt genau! Der Star, das sind Phong LeThanh, Claudia Rietschel, Wallace Jones, Harumi Washiyama, Francesc Fernández Marsal, Mara Sauskat, Giselle Poncet, Anibal dos Santos, Júlia Cortés und Matthew Sly in seiner letzten Premiere als Mitglied der Compagnie. Er bleibt dem Theater in anderer Funktion erhalten, doch bei Tänzern ist das eine oder andere Comeback so etwas wie Ehrensache.

Das Ballett des Theaters Lüneburg hat unter Olaf Schmidt einen künstlerischen Wandel und Aufschwung vollzogen, der sich auszahlt. Die so kleine wie feine Gruppe zieht immer mehr Publikum an, und das ist auch vom Alter her so gemischt, wie es sich andere Sparten nur wünschen können.

One comment

  1. Ich bin enttäuscht und zwar maßlos. Dies war mein erstes Ballett. Nun habe ich selber 2 Jahre Ballett getanzt und YouTube hält auch einige Stücke bereit, so bin ich nicht ganz fremd in der Thematik. Aber was das auch war, es war kein Ballett. Ganz nach dem Motto: ist das Kunst oder kann das weg? Lässt sich über das Stück streiten. Ich muss sagen, in der pause zu gehen finde ich selber total respektlos aber in diesem Falle ging es nicht anders. Das konnte ich mir nicht länger antun.
    Fangen wir damit an, dass es (zumindest im ersten Drittel) weder Tutus gab, noch auf Spitze getanzt wurde. Natürlich ist das hier nicht das bolschoi ballett aber das ist doch das Markenzeichen von Ballett. Ansonsten wurde einfach nur wirr durcheinander getanzt, teilweise unsynchron. Ich habe mir wirklich sehr große Mühe gegeben eine Handlung zu erkennen, doch dies war unmöglich. Und als alle anfingen sich auszuziehen, konnte ich nur müde lächeln, die Spitze des Eisbergs. Kann sein, dass es einen Sinn hätte haben sollen aber den habe ich wirklich nicht erkannt. Die Choreographie war einfach schlecht. Zuckende Discobewegungen gehören für mich in die Abteilung freies tanzen aber nicht ins Ballett. Ein positiver Ausblick: obwohl die Tänzer (glaube ich) keine echten Ballerina waren, übten sie ihre Bewegungen sehr gut aus.