Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Insgesamt 82 Balladen hat Rainer Wurzwallner im Angebot, das Publikum bestimmt per Zuruf das Programm. Foto: t&w/tamme
Insgesamt 82 Balladen hat Rainer Wurzwallner im Angebot, das Publikum bestimmt per Zuruf das Programm. Foto: t&w/tamme

Premiere für „Wer reitet so spät…Der Ritter Fips!“

ff Lüneburg. Günter Grass — Urgestein der deutschen zeitgenössischen Literatur, moralische Instanz, Nobelpreis. Wer hätte dem Autor der „Blechtrommel“ so einen Blödsinn wie die „Ballade von der schwarzen Wolke“ zugetraut? Eine Ballade, so wird sie nun mal definiert, ist ein Handlungsgedicht, da muss also etwas passieren. Eine schwarze Wolke aber zieht übers Land, hinweg über eine vier Eier ausbrütende Henne, und irgendwann ist die Wolke fort, ohne irgendetwas anzurichten. Was aus den vier Eiern oder der Henne wurde, wir wissen es nicht.

„Das ist also eher ein Antihandlungsgedicht“, so Raimund Becker-Wurzwallner. Unter dem Titel „Wer reitet so spät…Der Ritter Fips!“ feierte der Schauspieler nun im T.NT-Studio Premiere eines Balladen-Solo-Programms, das Angebot reicht, der Titel sagt es, von Goethe bis Heinz Erhardt. Und so ist das Schicksal des fiebernden Jungen, der mit seinem Vater durch die stürmische Nacht reitet und vom Erlkönig bedroht wird, in zweifacher Ausfertigung zu erleben. Erstens klassisch-tragisch, so wie es im Deutsch-Unterricht (meistens zum Auswendiglernen) durchgenommen wurde: „In seinen Armen das Kind war tot“. Zweitens in der modernen Fassung: „Er erreicht den Hof mit Müh und Not. / Der Knabe lebt, das Pferd ist tot“.

Das sind die Bestellnummern 78 und 10 einer Menükarte, auf der Raimund Wurzwallner insgesamt 82 Handlungsgedichte anbietet. Das Publikum bestimmt per Zuruf das Programm und nahm den Solisten damit gut und gern eindreiviertel Stunden in Beschlag, 30 Nummern wurden aufgerufen. Der Schwerpunkt der Speisekarte liegt auf heiteren Texten — Morgenstern, Kästner, Gernhardt, aber natürlich sind auch die Klassiker vorrätig: Fontanes Heldenepos „John Meynard“ (77), Schillers „Taucher“ (81), Heinrich Heines „Loreley“ (30).

Eine Ballade muss dreierlei beinhalten: Lyrik, Dramatik und Erzählung, weshalb die schwarze Wolke des Günter Grass da eher ein Grenzfall ist. Das gilt auch für die Nummer 25, für Robert Gernhardts „Scheitern einer Ballade“, die Geschichte eines Lyrikers, der im Krönungssaal die Taten seine Fürsten Friedrich angemessenen preisen will, aber schon bei der Schilderung des Lichtes nicht die rechten Worte findet: „Wie ist denn Fahlheit? Außer fahl? / Na ja. Egal. Ein andermal!“

Das Legendäre und das Lustige liegen eng beieinander an diesem Abend, das macht seinen Reiz aus, da gibt es vieles zu entdecken, und so mancher Besucher wird sich vorgenommen haben, hier und dort noch einmal nachzulesen. Und Raimund Wurzwallner gibt als Rezitator allen Texten mit feiner Dynamik die passende Stimmung, der wirklich traurigen Geschichte von dem „Bettler und seinem Hund“ (Adelbert von Chamisso) wie den beiden Ameisen des Joachim Ringelnatz, die von Hamburg nach Australien marschieren wollen, in Altona aber müde Beine bekommen: „Und so verzichteten sie weise /auf den letzten Teil der Reise“.

Das Finale bestimmte der Künstler selbst, mit dem wohl bekanntesten (bis dahin nicht eingeforderten) Handlungsgedicht überhaupt — ein Balladenabend ohne Schillers „Bürgschaft“, das geht natürlich gar nicht. Und wer kann da schon mehr als die erste Strophe und die letzte Zeile?