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Gerhard Henschel war auch Redakteur bei Kowalski, die Hefte hat er natürlich aufbewahrt. Er hat ein Martin-Schosser-Archiv zu Hause. Foto: ff
Gerhard Henschel war auch Redakteur bei Kowalski, die Hefte hat er natürlich aufbewahrt. Er hat ein Martin-Schosser-Archiv zu Hause. Foto: ff

Ein Besuch im „Martin-Schlosser-Archiv“

ff Bad Bevensen. Dass Martin Schlosser den Science-Fiction-Film „Blade Runner“ seinerzeit als „Kitsch“ bezeichnet hat — „das ist nicht gut angekommen“, sagt Gerhard Henschel heute. Dafür wurde dem Zivi und späteren Germanistik-Studenten Schlosser verziehen, neben der jeweils aktuellen Freundin immer mal wieder andere Spuren verfolgt zu haben. Davon wiederum profitiert Henschel, denn diese Damen stellten ihm später ihre Briefe zur Verfügung. Schlosser, so heißt Henschel in seinem grandiosen, bereits rund 3000 Seiten umfassenden Autobiographien-Zyklus. Und so etwas erfordert ein ebenso grandioses Privat-Archiv, es steht in Bad Bevensen.

Seit rund einem Jahr lebt Gerhard Henschel hier mit seiner Familie in einem geräumigen Haus — der Keller gehört dem Schriftsteller. In den Fluchten stehen lange Regale mit Hunderten Leitz-Ordnern und Kartons, mit Briefen, Heften, Dokumenten. Die Ordner sind nicht beschriftet, nur durchnummeriert, der Autor findet da auch so durch. So ziemlich alles, was mit der Familie zusammenhängt, mit Vätern, Großvätern, Omas und Onkeln, Tanten, Geschwistern, Freunden und Freundinnen, ist hier versammelt.

Gerhard Henschels Angehörige haben gern ausführliche Briefe geschrieben — und sie hatten offensichtlich auch das Talent dafür: „Ich habe Glück. Die Briefe von meiner Oma Jever zum Beispiel sind alle glänzend zu lesen. Und aus den Texten meines Großvaters höre ich immer noch einen Donnerton“ — der alte Herr war Pastor. Zu den kostbarsten Sammlerstücken gehört ein Telegramm von 1945, es informiert darüber, dass ein auf der Flucht versprengtes Familienmitglied wiedergefunden und wohlauf ist. Ein selbstgeschriebener Abenteuerroman („Die gnadenlose Jagd“) des Grundschülers Gerhard kündet von frühem Ehrgeiz des Schriftstellers. Das „Bautagebuch“ der Mutter (1961) erzählt von der verzweifelten Suche nach dem Wasseranschluss und einem Öltank direkt vor der Garage, und geradezu skurril ist Mutterns Sammlung von Beipackzetteln ehemaliger Medikamente der Hausapotheke.

Dieses Archiv ist die Grundlage für den „Künstlerroman“ und den „Bildungsroman“, für bisher sechs dicke Schmöker, in denen außer den Namen alles real ist. Gerade ist Henschel, Jahrgang 1962, bei seiner Entscheidung angekommen, das Germanistik-Studium kurz vor der Magisterarbeit abzubrechen — zur Bestürzung der Eltern natürlich. Buch Nummer sieben wird die Jahre 1986 bis 1990 abarbeiten und „Arbeiterroman“ heißen. Denn Schlosser/Henschel muss erstmal malochen, bevor er dann tatsächlich mit der Schriftstellerei Geld verdient, bevor er beispielsweise von Redakteuren des Satire-Magazins „Titanic“ eingeladen wurde, auf der Kommandobrücke mitzuarbeiten — für Henschel ein Traum, der ziemlich plötzlich wahr wurde. Seine Leser wiederum können sich also auf Innenansichten aus der Titanic freuen, auf die Darstellung schwitzender und fluchender Redakteure bei der Arbeit mit nacktem Oberkörper.

„Ich schaffe eine Seite im Computer pro Tag, das sind dann anderthalb im Buch, das dauert vier bis fünf Stunden“, sagt Henschel. Ein Foto von Walter Kempowski, mit dem er gut bekannt war, steht auf einem der Kellerregale — Kempowskis Sammelwut und dessen Privatarchiv in Nartum sind legendär.

Henschel, unter anderem mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet, hat neben der eigenen Vergangenheit noch andere Dinge im Blick. Gerade ist er zusammen mit dem Fotografen Gerhard Kromschröder von Bargfeld (dem Wohnort Arno Schmidts) zu Kempowskis Domizil gewandert. Daraus entsteht — als 40. Titel — ein Wandertagebuch: „Landvermessung“, es wird im September erscheinen. Eine Strapaze war der Marsch wohl eher nicht: „Zwanzig Kilometer am Tag, und das Gepäck haben wir per Taxi vorausgeschickt“. Aber er musste ja auch den Rücken frei haben, um neues Archivmaterial zu sammeln.